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Dinner for One – oder: Alptraum eines Gastgebers

An dieser Stelle könnte ein Beitrag über ein Kreistreffen stehen. Oder sogar über ein Kreisgründungstreffen. Allein, die Wirklichkeit hat sich anders entschieden.

Wer kennt das nicht? Man bereitet einen netten Abend vor, faltet Servietten, sucht Wein aus, legt das Steakmesser neben das Fischmesser, poliert die Gabeln und überprüft die Sitzordnung. So, jetzt den Braten in den Ofen und den Weißwein in den Kühlschrank, der Rotwein hat angenehme 18 Grad Celsius und atmet bereits seit etwa zehn Minuten in einer, dafür vorgesehenen, Karaffe. Kann jetzt eigentlich noch etwas schief gehen? Kann noch irgendetwas den Abend so richtig misslingen lassen?

Der Gastgeber denkt nach und meint zynisch: „Nein, außer es kommt keiner meiner Gäste.“ Er lächelt bei dem Gedanken, an den er ja eigentlich gar nicht glaubt. Dann wischt er ihn mit einem zu sich selbst gesprochenen „Unsinn!“ weg. Wenig später denkt er: „Aber wenn wirklich keiner kommt …?“. Er gerät in Selbstzweifel und fragt sich, ob seine geschätzten Gäste vielleicht bereits eine andere Einladung für diesen Abend haben könnten. Er geht seine Post durch und seinen Terminkalender, kann aber keine andere Einladung oder einen überaus wichtigen Termin, der auf diesen Abend datiert ist, finden. Er fragt sich: „Habe ich auch die Einladungen rechtzeitig abgeschickt?“ und „Habe ich auch auf meine Kochkünste hingewiesen und wie angenehm ich mir den Abend gedacht habe?“ Er kommt bei beiden Fragen zum selben Schluss und kann die sich selbst gestellten Fragen mit einem „Ja!“ beantworten.

Und dann, wie sollte es anders sein, der Albtraum beginnt und die festgesetzte Zeit für den Beginn dieses eigentlich doch gesellschaftlichen Ereignisses vergeht, ohne dass die Türglocke einen Laut von sich gibt. Auch das Telefon schweigt. Nach und nach wird das Essen kalt und der Weißwein warm. Der Gastgeber ist verzweifelt und fühlt sich in dieser Verzweiflung gelähmt. Unmöglich in irgendeine Richtung zu denken, geschweige denn zu handeln. Armer Kerl, denkt man sich jetzt. Die ganze Mühe, die nette Geste, die schöne Idee endet in einer Katastrophe. Wer sich jetzt sagt, das kommt aber nun wirklich nicht oft vor, sei eines Besseren belehrt. Im letzten halben Jahr in der Regio hat sich so ein Albtraum ganze zweimal ereignet.

Wer hätte gedacht, dass es so schwierig ist, einen neuen Kreis zu gründen? Thomas, Johannes und ich sicherlich nicht. Sitzt man das erste Mal mit rationalen Erklärungen vor seinem Schreibtisch oder hängt am Telefon, sagt man sich: „So ist das halt in der Jugendarbeit. Keine Pflichten. Hat ja eigentlich auch was für sich. Ich will ja auch nicht überall dabei sein. Und die Einladung war vielleicht etwas zu wage, zu ungenau. Die wussten ja gar nicht, worum es eigentlich ging. Wir bieten ja auch nichts oder zu wenig. Außerdem haben wir sie viel zu spät verschickt.“

Sitzt man jedoch das zweite Mal – Miss Sophie gleich – an einem gedeckten Tisch und fragt sich wo Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom eigentlich sind, gehen einem die rationalen Erklärungen so langsam aus. Denn wir sind nicht mal zusammengerechnet 90 Jahre alt und die eingeladenen Gäste weit jünger und deshalb auch nicht durch ihren Tod verhindert. Weitere Probleme ergeben sich von selbst. Man kann gar nicht, würde einer von uns den Butler spielen, mit jedem anstoßen, denn wir kennen gar nicht die Lieblingsgetränke der Eingeladenen. Obwohl uns eigentlich schon nach trinken zumute wäre. Sinnlos zwar, aber immerhin.

Machte sich zu Beginn Enttäuschung, Frust und vor allem Ratlosigkeit breit, ist zumindest letztere bereits verschwunden. Wir werden einfach keine Gruppenstunden oder tolle pädagogische Gruppenarbeit mehr planen, keine Spiele raussuchen oder themengerechte Videos in stundenlanger Arbeit recherchieren, nicht mehr Autos organisieren oder zum fünften Mal in diversen Kletterhallen anrufen.

Wir besorgen uns einfach Mulligatawny Soup, Schellfisch, Hühnchen und Obst, dazu Sherry, Weißwein, Champagner und Portwein und natürlich ein Tigerfell – und wechseln uns mit dem Stolpern über selbiges fröhlich ab.


Autor: Christoph Nette
Rubrik: people » groups
Eingestellt am 14. Dezember 2007
Zuerst veröffentlicht auf F.L.O.H. online
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