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Zwei Mariachis am Deutschen Eck

Erinnerung an einen speziellen Abend auf der Pfingsttagung 2003

Es war einer dieser Samstagabende, die man im frühsommerlichen Juni oft erlebt, von denen man sich aber jedes Mal wünscht, sie mögen nie zu Ende gehen. Ich hatte gerade mit ein paar Freunden einen Bet-Marathon abgeschlossen. Die Kapelle, in der wir eine gute Stunde verweilt hatten, kam mir von irgendwoher ziemlich bekannt vor, ich konnte mir nur nicht erklären, warum. Jedenfalls war ich am Ende vor die Tür getreten und hatte die Luft tief eingesogen, die der Wind vom Fluss herüberwehte.

Ich schulterte frohen Mutes meine Klampfe, ohne die ich kein Abenteuer auch nur beginnen würde, und die ich so gut beherrsche wie der alte Old Shatterhand seine Büchse. Der Fluss war mein nächstes Ziel und auch meine Freunde zog es dorthin. Also machten wir uns mit unseren drei Automobilen, die so unterschiedlich waren wir ihre Fahrer, auf den Weg. Ich überlegte. Eigentlich war es gar nicht der Fluss an sich, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Tatsächlich fließen an der Stelle, die wir anpeilten, zwei Flüsse zusammen bzw. der eine in den anderen hinein. Etwas besonderes mag daran nicht zu finden sein. Die Geschichte aber wollte es, dass jene Stelle „Deutsches Eck“ genannt wurde und dass eine überlebensgroße Statue irgend eines vergangenen deutschen Kaisers dieses Eck zierte und noch ziert. Warum das so ist, kann ich nicht beantworten – das muss ich wohl den Historikern überlassen.

Jedenfalls hatten wir uns diese Ecke zum Ziel gesucht, die zwar deutsch heißt, auf der aber neben den Fahnen aller Bundesländer auch eine etwas blasse und vergilbte Amerika-Flagge gehisst steht. Mit meiner Klampfe im Gepäck erkundete ich zunächst die Lage. Das Eck war aus Beton und lief wie der Bug eines Kahnes vorne spitz zu. Drumherum jede Menge Wasser – nicht unbedingt das sauberste – und tutend und tuckernd liefen Kähne jeder erdenklichen Länge in allen vier Richtungen (ja, vier: zwei Flüsse, je Fluss einmal hin, einmal zurück = vier Richtungen) an der Ecke vorbei. Eine Menge Leute waren noch zu dieser Dämmerstunde unterwegs. Sie schwirrten hin und her, rauf und runter (der Sockel der Statue war gut zu erklettern), knipsten Fotos und lagen sich gegenseitig in den Armen oder im Kinderwagen.

Nun setzte ich mich auf die mittlere Stufe der breiten Steintreppe, die zum Standbild hinaufführt, und begann, meine Gitarre zu entpacken. Mir war klar, dass ihr die Hitze der vergangenen Tage genauso zu schaffen gemacht hatte wie mir selbst. Sie hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Mit ihrem trockenen Holz-Korpus war ihr der Prozess der Transpiration völlig fremd. Dafür war sie, wie ich es erwartet hatte, an einigen Stellen verstimmt und während ich das in Ordnung brachte fragte ich mich selbst eher lakonisch, ob sie mir den Stress der letzten Woche auf diese Weise übel nahm.

Mein musikalischer Mitstreiter hatte ebenfalls sein Klangholz dabei: Eine blaue Westerngitarre mit Stahlsaiten und Verstärker. Wir hatten bereits zu verschiedenen Gelegenheiten die Erfahrung gemacht, dass sich unsere beiden Modelle klangmäßig prima ergänzen. Um es ruhig angehen zu lassen, legte ich den Bass für „Stand by me“ vor und er stimmte nach mehreren Akkorden zupfend ein. Der Rest unserer Gruppe kam singend dazu und wir gaben den Besuchern aus aller Welt die erste kleine Kostprobe unseres Repertoires. Die ersten Menschen (so schauten sie zumindest) wurden auf uns aufmerksam und der eine oder andere setzte sich ebenfalls auf die Treppe, um unserer Musik zu lauschen. Wir waren über „Peter Straffrei“ mittlerweile bei „Mit 18“ angelangt.

An so einem Abend braucht ein Sonnenuntergang seine Zeit. Die Sonne selbst war bereits hinter dem Horizont verschwunden, genauso wie ein Teil von uns im Sockel der Reiterstatue. Wir mit unseren Gitarren machten gerade eine kleine Pause, auch, um unseren Vorrat an Lied-Ideen aufzufüllen. Da steuerte ein Herr älteren Jahrgangs – graues Bart- und fast kein Haupthaar – auf uns zu. In seiner Radler-Kleidung, die aus einem hellblauen T-Shirt und einer sehr (!) kurzen roten Hose bestand, baute er sich am Fuß der Treppe auf und verlangte mit freundlicher Miene, aber doch bestimmt: „Spielt doch mal nationales Liedgut!“

Peinlich berührt drehten sich einige von uns sogleich in eine völlig belanglose Richtung und taten, als hätten sie nichts gehört. Mein Gehirn hingegen setzte sich in Bewegung – erst langsam, dann Windung um Windung immer schneller. ‘Nationales Liedgut’, dachte ich nach, hat irgendwas mit Deutschland zu tun. Wir sind hier doch am Deutschen Eck. Aber was kann ich überhaupt an solchem Liedgut singen, geschweige denn spielen? Wie, um uns geduldig noch ein wenig auf die Sprünge zu helfen, fügte der nette Mann hinzu: „Wir wollen ja schließlich unseren Kaiser Wilhelm wiederhaben!“ Das verwirrte mich. Wieso? Was hatte er denn gegen den derzeitigen Kaiser auszusetzen? Gerhard heißt er, glaube ich. Aber ist der überhaupt Kaiser? Gibt es so etwas überhaupt noch? Spontan fiel mir die erste Zeile eines alten Volksliedes ein: „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?“ Gerade wollte ich zur Gitarre greifen, heftig nachdenkend, ob ich die Melodie dazu überhaupt je gehört hatte. Da stellte ich fest, dass dem netten Herrn mein Grübeln nicht geschwind genug gegangen war. Das Lächeln wich fließend aus seinem Gesicht, wie als ob jemand den Stöpsel gezogen hätte. Mit einem nicht mehr ganz so freundlichen „dann lasst es halt!“ verabschiedete er sich und ging davon.

Doch wir blieben nicht lange allein. Während wir unser inzwischen etwas zahlreicheres Publikum mit „99 Luftballons“, „Es lebt der Eisbär in Sibirien“ und „Aloah Hey“ beglückten, schlich sich eine Gruppe junger Mädchen hinter unseren Rücken auf den Sockel des großen Wilhelm. Nachdem wir einen Song mit Gitarren-Solo, Pfeif-Einlagen und Applaus beendet hatten – ja, die Leute klatschten tatsächlich vereinzelt – setzten die Mädchen mit ihren jugendlichen Stimmen zu einem eigenen Lied an. Natürlich waren wir von hinten total überrascht und, ehrlich gesagt, auch ein wenig verwirrt. Nichtsdestotrotz genossen wir den reinen Klang dieses vielstimmigen Chores. Aber etwas machte uns stutzig: Die Personalpronomen ‘DU’, ‘ER’, ‘IHN’ kamen ungewohnt ausdrucksstark und häufig im Singsang vom Sockel vor. Zuerst herrschte bei uns nachdenkliches Schweigen, dann grübelndes Gemurmel. Schließlich erhob unser Allround-Pater euphorisch den Finger und platzte hervor: „Ich hab’s!“

Tatsächlich: Er hatte innerhalb weniger Minuten sein gesammeltes philosophisch-theologisches Wissen reaktiviert und aus seinen unzähligen Eschatologie-Seminaren die Antwort kombiniert auf diese unsere unausgesprochene Frage: Was sangen die Mädels da? Gerade, als unser Hobby-Priester zu sprechen anhob, erklang es vom Stahl-Standbild: „Jesus, du bist meine Freude!“ Jetzt hatten wir also den Salat! Die rosa-blusige Langhaar-Band war in Wahrheit ein para-christlicher Frauenchor! Und der wollte uns mit sprachschmutz-bereinigten Partituren die Show stehlen. Nun, wir saßen inzwischen im Rampenlicht, denn die Dämmerung hatte automatisch das Scheinwerfersystem des gesamten Beton-Ensembles aktiviert. Aber unsere Konkurrenz bekam auch eine Menge vom Licht-Spot ab. Wir mussten also etwas unternehmen!

Zunächst dachten wir daran, Kontrapunkt in ihrem Konzert zu spielen und heftige Vulgär-Munition aufzutischen. Doch im Namen des Friedens und der Ökumene entschlossen wir uns schließlich für den Mainstream. Um unseren guten Willen zu zeigen, gaben wir als Einstieg „Die Sache Jesu braucht Begeisterte“ zum besten – nicht schön, aber laut. Und in der Tat, man hatte uns verstanden. Aus diesem Anstoß entwickelte sich ein etwa halbstündiges Wechselbad der christlichen Lieder; und natürlich auch der Gefühle. Denn schon seit einiger Zeit hatte sich ein gar lustiger Genosse mit gegelten Haaren, Rapper-Hose und riesiger Kette um den Hals zu uns gesellt. Er hatte versucht, den einen oder anderen von uns in ein Gespräch zu verwickeln, war jedoch jedes Mal an unserer Sing-Blockade gescheitert. Schließlich stimmte auch er ein und sang immer begeisterter all unsere Lieder mit, deren Texte er auf wundersame Weise zu kennen schien. Ich selbst gestand mir an dieser Stelle ein, dass ich den Unterschied zwischen erlesenem Kunstgesang und sinnfremdem Genuschel wohl nicht mehr begreifen würde. Um das Niveau des intergeschlechtlichen Musik-Events hochzuhalten, sorgten wir uns dann nicht mehr weiter um unseren heiteren Mitsinger.

Das Publikum wurde kleiner, die meisten Leute verließen nach und nach die nationale und an diesem Tag ebenso musikalische Plattform. Plötzlich traten auch die Mädchen den Rückzug an. In fein säuberlich geordneten Reihen schlängelten sie sich mit geschicktem Abstand an uns vorbei und verschwanden im Dunkeln. Kein Hallo, keine Kontaktaufnahme, nicht einmal ein Augenzwinkern! Ich vermutete schon eine gründlich waltende Marienschwester hinter diesem Verhaltensmuster. Aber keine Spur. Wir mussten uns damit abfinden, unser nächtliches Konzert allein fortzusetzen. Doch etwa vier Songs später entschlossen auch wir uns zum kunstvollen Abgang. Wir erhoben uns von den Stufen und strebten Richtung Autos. Die verbliebenen Zuhörer auf dem Sockel verabschiedeten uns mit einem dankbaren „Spielt doch mal Nirvana!“ und nach dem verschwörerisch im Kreis gebeteten Abendsegen verließen auch wir die monumentale Ecke an den zwei großen Flüssen – das „Deutsche Eck“.


Autor: Johannes Reimann
Rubrik: mag » wink
Eingestellt am 29. September 2007
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 31, September 2007
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