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Es ist doch verflixt! Aber ganz ehrlich, als junger R* einer kleinen Regio-Zeitung hat man es nicht leicht. Oh, es soll hier nicht über Beiträge aller Art geschrieben werden, die freundlicherweise von allen möglichen Leuten zugesagt sind, die aber regelmäßig am Redaktionsschluss vorbeischrammen. Was wirklich nervt, das ist die Technik! Hat sich der junge R* irgendwann einmal in die Software eingearbeitet, die es ermöglichen soll, Texte in Spalten, Bilder in Rechtecken und Überschriften in Größe 16 anzulegen, könnte dies nun Grund zum Aufatmen bieten. Soweit alles klar. Die Artikel stehen nicht über, jede Seite hat die korrekte Nummer und vorn ist auch wirklich nicht hinten. Doch der erste Streich der Technik lässt nicht lange auf sich warten: der erste Ausdruck – uff! So ein Mist. Warum ist das Grau auf dem Papier anders grau als auf dem Bildschirm? Warum sieht man auf Fotos plötzlich nur noch halb so viel? Und überhaupt: Warum sind die einzelnen Seiten so komisch angeordnet? Ach ja, das liegt ja an der Software …
Der junge R* macht einen Lernprozess durch. Eines Tages wird er soweit sein, dass er all die kleinen und großen Dinge zu beherrschen und aus Stolperfallen fortgeschrittene Fähigkeiten zu entwickeln weiß. Jetzt kann kommen, was da will: Die Publikation wird für sattelfest erklärt. Doch es kommt, was da will. Denn plötzlich ist der Uni-Drucker nicht mehr in der Lage, mehrere Seiten hintereinander fehlerfrei zu drucken. Aber der junge R* trainiert sich stählerne Nerven an und lehrt die Lehrtechnik das Fürchten: Er druckt jede Seite einzeln! Derart triumphierend, fast schon in Siegesrausch verfallen, trägt er die Vorlage dorthin, wo aus einem Heft viele entstehen sollen.
Der Copyshop, natürlicher Feind jedes jungen R*! Da sagen Leute, die es aufgrund ihres Berufes ja eigentlich besser können müssten, der Ordnung den Kampf an und lassen aus einem 1-cm-Rand 1,2 Zentimeter oben und 2,3 Zentimeter unten werden. Da bekommt jedes Blatt seine eigenen Maße – getreu den anarchischen Prinzipien des Hundertwasser. Da gehen Helligkeit und Kontrast vor die Hunde und die Geduld des jungen R* in die Knie. Denn wehe ihm, wenn er auch noch einen Copyshop erwischt, wo er selbst Hand an die Geräte legen darf. „Ha, Euch werd ich zeigen, was gerade Kanten sind“ – von wegen. Die Kopiermaschine weiß es besser. Tränengeschwängerten Blickes muss der junge R* erkennen, dass hier nur die ganz billige Technik steht. Er muss seinen Anspruch nach unten schrauben, muss Kompromisse eingehen. Glück im Unglück, denkt er, wenn die eigentlich schwarze Schrift von dem eigentlich grauen Hintergrund doch noch zu unterscheiden ist. Glück im Unglück auch, wenn das bizarre Nebeneinander von hellen und dunklen Pixeln wenigstens erahnen lässt, dass es sich dabei einmal um ein Bild gehandelt hat.
Nun ja, er hat bekommen, was er wollte, der junge R*. Oder eben nicht. Im Pappkarton schleppt er mit sich, was ihn bisher so viel Mühe kostete. Die Gedanken indes weilen nicht mehr in der Vergangenheit. Was war, ist abgetan. Doch welche Zuversicht, das ganze könnte noch gut enden! Immerhin macht eine solche Zeitung gefaltet und geheftet noch mal einen ganz anderen – einen besseren – Eindruck. Euphorischen Träumen von einem so genannten „Klammeraffen“ für das DIN-A4-Format gibt sich der junge R* nun hin, sitzt lächelnd und mit abwesendem Blick im Zug und faltet und faltet und faltet … Dann der Moment der Wahrheit: der junge R* Auge in Auge mit dem Gerät, das dort giftgrün und bleischwer vor ihm auf dem Schreibtisch steht. „Jetzt sei Du bloß brav, dann haben wir es gleich hinter uns. Sind ja nicht mal fünfzig Exemplare.“ Der junge R* wird nicht herausfinden, ob Klammeraffen ein Eigenleben besitzen. Er wird auch niemals feststellen können, warum solcherlei Hilfsmittel jede zweite Klammer nur halb und jede sechste gar nicht setzt, warum der Apparat pünktlich alle dreieinhalb Minuten klemmt und warum er trotz leeren Magazins immer noch Klammern spuckt. Er wird es nie wissen. Er wird nur darunter leiden.
Freilich hat sich bis hierhin bereits erschlossen, dass der junge R* an fast jeder Stelle des Fertigungsprozesses einer solchen Zeitschriften-Ausgabe wenn nicht um sein Leben, so zumindest um seine Gesundheit fürchten muss. Das reicht von seelisch-psychischen Risiken wie Schockzuständen, Schweißausbrüchen, fluchventilierten Depressionen und apathischer Resignation bis zu physischen Gefahren wie Verletzungen durch Papierkanten und Eisenklammern sowie Prügeleien mit dem Copyshop-Besitzer oder gar mit dem Leiter des Uni-Rechenzentrums. Auch längerfristige Schäden sind bereits nachgewiesen und die Wahrscheinlichkeit, solche davonzutragen, steigt mit jeder gefertigten Ausgabe exponentiell. Größte Bedeutung hat hierbei die Sucht erlangt. Der junge R* entwickelt unweigerlich eine Abhängigkeit vom Adrenalin, das ihm bei jedem Arbeitsschritt durch die Adern tost. Viele Experten behaupten, dies sei der Grund dafür, dass es überhaupt noch solche Menschen gäbe. Denn rationell sei ein derartiger freiwilliger Leidensweg ja wohl nicht zu erklären. Der junge R* gibt sich indes, wenn die Zeitschrift dann erschienen ist, dem berauschenden Adrenalin-Überschuss hin und ist für Kommentare der Leserschaft in diesem Moment gar nicht mehr empfänglich.
Du glaubst das alles nicht? Du hältst es für blödsinnig und übertrieben? Du denkst, das sei einfach nur eine billige Ausrede dafür, dass das vorliegende Heft wieder so bescheiden geworden ist? Nun, dann bist Du herzlich eingeladen, selbst zu einem jungen R* zu werden. Probier es doch einfach mal aus. Herzlich willkommen!
* R steht in diesem Fall für „Redakteur“
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