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Ans Rote Meer

An dieser Stelle steht nun endlich der Artikel über unsere Fahrt an die Küste des Roten Meeres, den ich schon seit allzu langer Zeit nicht geschrieben habe. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann genau die Sache eigentlich stattfand; es müsste aber so ungefähr zwei Wochen nach dem Hammam-Damt-Trip gewesen sein.

Akin und Istiklal hatten ein Auto samt Fahrer gemietet und mich gefragt, ob ich mitkomme. Wir starteten am Mittwochnachmittag, Richtung Südosten durch eine atemberaubende Berglandschaft. Erste größere Station war Jibla, eine alte Bergstadt, die in einigen Reiseführen als schönste Stadt des Jemen bezeichnet wird. Ob das stimmt, wage ich nicht zu beurteilen, aber schön ist die Stadt auf alle Fälle.

Leider aber auch sehr touristisch; und das bedeutet auch, dass man ständig Kinder trifft, die etwas verkaufen wollen, oder alte Männer, die sich als Imam der Moschee vorstellen, ein Foto machen lassen und dann Geld haben wollen. Vermutlich hat keine Moschee so viele Imame wie diese in Jibla. Die Moschee selbst habe ich aber nicht betreten, weil es für Nichtmuslime im Jemen generell verboten ist, selbiges zu tun. Diese Gesetzesübertretung habe ich dann erstmalig kurz vor Ta’izz begangen, in der Janad-Moschee, die eventuell die drittälteste Moschee des Islam überhaupt ist. In Ta’izz endete die Fahrt dann für diesen Tag, mit Wasserpfeife in einem Café mit wunderschönem Ausblick über die Stadt.

Ta’izz war bis zum Ende der Monarchie im Nordjemen im Jahr 1962 dessen Hauptstadt; und ist auch heute noch eine bedeutende Stadt, mit ca. 615.000 Einwohnern drittgrößte Stadt im Jemen (nach Sanaa und Hodeida). Mein Lehrer (der aus Ta’izz stammt), sagt, dass es heutzutage drei Hauptstädte gibt: Sanaa ist die politische, Aden die wirtschaftliche (haha) und Ta’izz die kulturelle. In letzterer gibt es auch mitten in der Stadt Berge, wodurch sie einen ziemlich interessantes Bild bekommt.

Gegen Mittag des Donnerstages erreichten wir al-Khaukha, nachdem wir die Tihama durchquert hatten. Die Tihama ist eine sehr afrikanisch geprägte Region an der Küste des Roten Meeres; viele traditionelle Häuser und die Kleidung der Menschen unterscheiden sich deutlich von anderen Regionen. Und hier tauchen auch zum ersten Mal Kamele im großen Stil auf, die noch wirklich als Arbeitstiere benutzt werden. In Khaukha verbrachten wir den Nachmittag am Strand – ein wunderschöner Sandstrand, und kein Mensch außer uns. Der Ort al-Khaukha erschien uns weniger schön; in der Tihama ist die Hitze wirklich drückend, dazu überall Fliegen und Fischgeruch (verständlich am Meer, aber in der Kombination leicht belastend), so dass wir uns entschieden, noch am Abend nach Zabid weiterzufahren. Dort fanden wir Schlafplatz in einem Rasthaus, im traditionellen Stil der Tihama (mit sehr viel Gestricke und Flechtwerk), das wesentlich sauberer und angenehmer war als das einzige Hotel im Ort. Für unseren Stadtrundgang bot sich uns ein Einheimischer, Englischlehrer Ahmad, als Führer an, und nachdem er sich ein Weile angeboten hatte, akzeptierten wir dann auch. Das erwies sich als sehr lohnend, da er uns auch Plätze zeigte, in die wir allein wohl nicht ohne weiteres hineingekommen wären (zum Beispiel konnten wir das Innere eines Wohnhauses betreten, was sonst eher schwierig ist). Zabid hat heute ungefähr 50.000 Einwohner, und war in vergangenen Jahrhunderten einer der bedeutendsten Orte für die schafi’itischen Rechtsschule, mit Dutzenden von Schulen und Moscheen. Nach dem Stadtrundgang fragt Akin dann unseren Führer nach seiner Adresse, um ihm eventuell ein paar Fotos zu schicken. Antwort: “Teacher Ahmad, Zabid. Das reicht aus, mich kennt hier jeder”.

Zum Schluss der Reise besuchten wir die Stadt Bait al-Faqih, die an sich nicht viel zu bieten hat, aber freitags den größten Wochenmarkt des Jemen beherbergt. Und dort gab es dann wirklich fast alles (nur Waffen habe ich keine gesehen . . . seltsam). Besonders beeindruckend ist die Viehabteilung: Da dreht sich ein halbes totes Kamel ohne Beine aufgehängt im Wind und man kann wechselweise die Seite mit Fell sehen, und wechselweise die, aus der bereits die Organe herausgenommen sind. Dann eine wunderbare Szene, die fast schon symbolisch anmutet: Ein lebendiges Schaf, einen Meter weiter ein totes, dessen Haut bereits neben ihm liegt, und dazwischen ein weiteres, das gerade geschlachtet wird.

Nach dieser insgesamt sehr beeindruckenden Ansicht hielten wir nur noch kurz in Hodeida, mittagten gänzlich stillos im Pizzarestaurant (das hatte eine Klimaanlage); Akin und Istiklal wollten noch zum Fischmarkt, der dann aber geschlossen hatte. Als ob ich das geahnt hätte, hatte ich mich vorher ausgeklinkt, um in aller Gemütlichkeit im Schatten an der Strandpromenade eine Wasserpfeife zu rauchen.

Die Rückfahrt nach Sanaa war dann noch mal ein besonderes Erlebnis: Der Weg führt durch das Wadi Zurdud, ein beeindruckendes Felsental mit haufenweise Mango- und Bananenbäumen.
Und kurz vor Sanaa, als wir ein kleines Dorf durchqueren, schleudert ein Kind einen Stein auf unsere Windschutzscheibe, auf der sich mit einem hässlichen Geräusch zahlreiche Sprünge ausbreiten. Unser Fahrer wendet und beginnt, das weglaufende Kind mit dem Auto zu verfolgen. Das Kind ist nicht blöd und rennt in eine Seitengasse, in der wir mit dem Auto nicht hinterherkommen, und der Fahrer muss auch die Verfolgung zu Fuß bald abbrechen, da das Kind verschwunden ist. Unser Fahrer ist jedoch auch nicht blöd und verspricht dem von den vielen Kindern, die sich sofort um unser Auto sammeln, 200 Rial Belohnung für den Namen des Täters. Den er auch bekommt, und so kann er mit dem Vater des Jungen in Verhandlung treten. Was genau nun letztendlich herausgekommen ist, weiß ich nicht, aber man wird sich schon irgendwie geeinigt haben.

Mein Fazit der Reise insgesamt? A weng heiß zwar, aber sehr schön; viel gesehen, viel gelernt, viel Spaß gehabt.

(Mehr von Bernhards Abenteuern gibt es auf http://alifbata.blogster.de) zu lesen


Autor: Bernhard Staffa
Rubrik: mag » trip
Eingestellt am 15. Juli 2007
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 29, Juli 2007
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