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Hoch her geht es in den derzeitigen, medial aufgebauschten, Diskussionen um kriminelle Jugendliche. Bereits vor zwei Jahren tauschten sich SMJler der Regio Wegweiser in ihrem Internet-Forum über die „Not der Jugend“ aus, wie es im Neun-Uhr-Segen heißt. Hier ein Auszug der digitalen Debatte
Teilnehmer 1: Hallo. Ich weiß nicht, ob mein folgendes (Alltags-) Problem schon zu ausgelutscht ist, aber das ist eine Sache, die mich und meine Gedankengänge zurzeit unheimlich einnimmt:
Montag, 09.01.06 – Ich steh am ZOB und warte auf meinen Bus. Ich beobachte gerne Menschen und ihre Verhaltensweisen, besonders, wenn ich auf öffentliche Verkehrsmittel warte. Mein Blick wandert in westliche Richtung und ich sehe Leute, so alt wie ich, die ein Bier zischen, kurz vorher sah ich sie noch in der Schule. Uhrzeit 15:23 Uhr. Ich schaue in nördliche Richtung und sehe eine kleinere Ansammlung von Personen, die wahrscheinlich jünger sind als ich, welche rauchen, spucken Leute anpöbeln, jeden Satz mit dem Wort “Alter” beenden und ihre LKs und KAs verbrennen. Zum Abschluss schaue ich in östliche Richtung und sehe den Nachbar (neun Jahre alt) von einem Kumpel von mir aus Lengenfeld, wie er auf seinem Frühstücksbrot umher tritt und seine Trinkflasche durch die Gegend schmeißt und den Inhalt ausschüttet. HÄH?
Freitag, 23.07.04: Ich sitze auf einer Bank (mit meiner Freundin) und schaue einem möglicherweise Rechtsradikalen zu, wie er seiner Freundin ins Gesicht rülpst und furzt. Kurz darauf, wahrscheinlich weil ich in ansah, hatte ich ein blaues Auge bzw. Wange und er hat sich gefreut. Einen weiteren kurzen Moment später bin ich dann gegangen, natürlich mit meiner Freundin. Emotionale Details lasse ich jetzt mal weg. Ich stell die gleiche Frage wie oben noch mal: HÄH? Wir befinden uns heute in Deutschland auf einem Arbeitslosenhöchststand und ich denke nicht unbedingt, dass das an mangelnden Arbeitsplätzen liegt….
Saufen, Prügeln, falsche Ideale und was alles noch dazu gehört als Motivation für den Tagesablauf und Lebenseinstellung. Wo sind Ideale und Bezugspersonen???
Ich möchte mit diesem Thema zum Nachdenken und diskutieren anregen … Ich denke, es gibt genug Chancen, doch keiner möchte sie nutzen, weil jede Art von Arbeit indirekt mit Stress verbunden ist, den sich keiner bzw. fast keiner machen will.
Soviel von mir…. […]
Teilnehmer 2: Echt, ist ja krass, ich habe so was Gott sei dank noch nicht erlebt – dass mich wer geschlagen hat. Wieso Leute so drauf sind, dass kann ich mir auch nicht erklären, dass ist bestimmt jedes Mal ganz persönlicher Natur.
Ich bin auch der Meinung, dass es in Deutschland genug Chancen gibt. Leider muss man die Leute erst dazu motivieren sie zu nutzen, und so was kann nur über das direkte Umfeld geschehen.
Teilnehmer 3: Der Meinung “Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit” kann ich mich nicht so ohne Vorbehalt anschließen; es gibt ja viele Geschichten von Leuten, die verzweifelt nach (bezahlter) Arbeit suchen, aber dennoch nichts finden.
Doch ich denke, dass das bei dem oben beschriebenen Personenkreis (noch) nicht das Thema ist, da sie, wie ich der Beschreibung entnehme, ja alle noch in die Schule gehen. Dennoch bleibt natürlich die Frage: Warum verhalten sich diese Leute so?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich der Meinung sein kann, dass die Gründe dafür jedes Mal persönlicher Natur sind. Meiner Ansicht nach wird da sehr viel über das Umfeld, insbesondere auch das mediale, geprägt. Das klingt natürlich nun in der Tat sehr ausgeleiert: “Die Trash-Medien sind an allem schuld”, doch ich denke, zumindest teilweise ist das tatsächlich so. […]
Teilnehmer 1: […] So hab ich das nicht geschrieben. Man muss sich, wenn man auf die Regelschule geht, früher als mit 20 Gedanken machen, was man den so machen will, beruflich….
Viele Personen sind so schlecht, ich denke hauptsächlich aus Faulheit oder mangelnder Motivation und nicht wegen Dummheit, dass es gar nicht für Betriebe zumutbar wäre, diese einzustellen. Ich weiß das zufällig, weil der Vater von einem Freund von mir ein Baugeschäft besitzt und er und ich mal darüber diskutiert haben. Ich denke, es sind weniger die Medien, mehr das persönliche Umfeld: Bekannte, Freunde oder auch Eltern, welche die Jugendlichen praktisch zur Resignation erziehen.
Teilnehmer 3: Aber die Frage ist doch, warum eben dieses Umfeld so ist, wie es ist. Ich denke ja auch nicht, dass es allein die Medien sind, doch meiner Ansicht nach leisten sie einen nicht geringen Beitrag dazu.
Teilnehmer 2: Nee, der Meinung kann ich mich nicht wirklich anschließen. Ich glaube, die Medien liefern vielleicht höchstens mal ein paar coole Ideen – z.B. Wrestling oder so, weil es dann cool ist, einem eine reinzuhauen. Aber das Niveau, das in der Erziehung gilt, prägt den Charakter immer noch am meisten.
Teilnehmer 1: Warum das Umfeld so ist wie es ist? Mögliche Antwort: Eine 48 jährige Mutter hat (ist ja klar, wenn sie Mutter ist) Kinder. Die Mutter ist arbeitslos. Nun erzählt sie ihren Kindern die ganze Zeit, wie beschissen alles ist usw. Die projizieren das auf sich selbst und geben auf, bevor sie angefangen haben, denken, sie revolutionieren alles, nennen sich Linke, sind “Autonome” und machen im wesentlichen das gleiche wie zum Beispiel Rechte, nur unter einem anderen Ideal. Nur ein Bespiel. Das sind ja nicht nur “Linke” und “Rechte” sondern auch viele andere Gruppierungen, die einem immer höheren Zulauf von Personen genießen.
Teilnehmer 2: Net schlecht, was Teilnehmer 1 hier sagt, ich bin überrascht. Interessante Aussage. Es ist immer schwer, die Leute zu verstehen. Aber auch hier gilt, man darf nicht alle über einen Kamm scheren, Jugendliche in dem Alter suchen manchmal erst ihre Identität, … grade in unserer Zeit gibt es da keine festen Vorbilder … was sind heute noch Ideale ….???
Teilnehmer 4: Ich muss sagen, diese Diskussion trifft meinen Geschmack. Ich befinde mich oft in einer ähnlichen Situation wie Teilnehmer 1 – nicht, dass ich ständig geschlagen würde (glücklicherweise ist mir das bisher nicht passiert). Aber ich fahre oft Bus und sehe immer wieder Jugendliche allen Alters und beiden Geschlechts, die sich eben die Bushaltestellen als Ort ausgesucht haben, ihre Zeit zu “gestalten”. Besonders am Hauptbahnhof, der gleichzeitig der ZOB ist, fällt mir das immer wieder auf und oft frage ich mich, ob es nicht doch irgendeine Möglichkeit gibt, diese Leute anzusprechen und zu begeistern. Wenn ich gerade darüber nachdenke, steht die Verkehrssituation an unserem Hauptbahnhof vielleicht metaphorisch für die Gesellschaftliche Lage.
Also: Es gibt mehrere Bussteige, unter anderem einen für den Stadtbusverkehr und einen für den Regionalverkehr. Auf dem Steig für die Stadtbusse tummelt sich alles, was “in” ist, also was aus bestimmten Gründen voll in der Gesellschaft integriert ist: Studenten, die ja zur Bildungselite zählen; Konsumenten, die gerade im nahen AlleenCenter einkaufen waren, also gezeigt haben, dass sie sich was leisten können … Von diesem Bussteig fahren alle paar Minuten Busse in alle Richtungen. Man kann praktisch jeden Ort “erreichen” bzw. jede gesellschaftliche Position.
In den Bushaltestellen für den Regionalverkehr sitzen die Jugendlichen. Sie schotten sich bewusst ab, wollen nicht am Mainstream teilnehmen. Sie beschäftigen sich mit ihresgleichen, mit Alkohol und anderen Drogen und mit dem, was sie “cool” finden (Handies, Zeitschriften etc.) – und hängen in dem Punkt bereits am Haken des Mainstream … Jedenfalls fährt von diesem Bussteig höchstens alle halbe Stunde (zur Hauptverkehrszeit!) ein Bus ab. Es ist ein Glücksfall, wenn man mitbekommt, wohin er fährt, ohne dass man den Busfahrer fragen muss. Außerdem fährt der Bus raus aufs Land – metaphorisch gesehen ins gesellschaftliche Nirgendwo. Nun kann man diskutieren, ob die Jugendlichen sich das selbst ausgesucht haben, oder ob sie irgendwie in diese Rolle gezwungen werden. Fakt ist: Jugend hat sich bisher nie ganz angepasst, und das ist zu einem gewissen Maß sicherlich auch die Funktion des Jugendlich Seins. Was mich immer wieder traurig macht ist, dass der gedankliche Horizont der Jungs und Mädels bis zur nächsten Flasche Mixery reicht. Nicht, weil sie nicht weiter denken können, sondern sicherlich, weil sie nicht wollen. […]
So, ein bisschen fühle ich mich jetzt wie der Dozent des Seminars “Nachhaltige Raumplanung”, der immer aufgezählt hat, was da alles nicht in Ordnung ist und dem dafür ein Student bescheinigt hat: “Wenn ich bei Ihnen Seminar hatte, trage ich mich regelmäßig mit Selbstmordgedanken” … Ich weiß, davon wird nichts besser. Aber vielleicht kann uns bewusst werden, wie gut WIR es eigentlich haben. Denn, dass wir diese Probleme erkennen, setzt ja voraus, dass wir selbst besseres erlebt haben und erleben – sonst hätten wir keine Vergleichsbasis und es würde uns keine Diskrepanz auffallen.
Und das bringt mich auch schon zum Schlusswort: Glaube ist ein Geschenk. Wir sind Privilegierte. Wir hatten Glück. Aber, und dazu ruft uns auch Papst Benedikt auf, wir können etwas dafür tun, dass auch andere Glück haben. Aber was?
Teilnehmer 2: Tja, da haste wohl recht, nur man muss daran denken. Dein Schlusswort hat ja was Apostolisches. Man kann aber nur vom Glauben reden, wenn man selber glaubt, oder zumindest weiß, was Glauben bedeutet.
Was erwarten wir uns denn vom Leben? Warum glauben wir denn?
Teilnehmer 1: Gute Fragen. Ich glaube, bzw. ich bete, damit ich in allen möglichen verschieden Situation Rückhalt gewinne. Um richtige Entscheidungen zu treffen, bzw. Entscheidungen, die ich im Nachhinein nicht bereue und hinter denen ich stehe.
Die erste Frage ist ein bisschen schwieriger. Ich würde sagen ich wünsch mir die “Standardsachen”: glückliche Ehe, guten Beruf, Kinder, 2 Urlaube im Jahr. Das wichtigste zum Schluss: Ich erwarte vom Leben, dass ich das finde, wozu ich geboren wurde, praktisch mein Talent, meine Berufung.
Ich glaube die Frage, wer denn etwas tun soll, wird sich oft gegenseitig zugeschoben. Ich denke, es existiert in Deutschland in Bezug auf die eigene Jugend zu wenig Solidarität und diesen Zustand, in dem sich die jetzige Jugendgeneration befindet, wird nicht durch ein anderes Schulsystem gelöst. Zur Frage “was?” fällt mir ein guter Spruch ein: Dummheit schafft Freizeit!
Keiner hat Ideen, bzw. hat keine Lust sich eigene Gedanken zumachen.
Teilnehmer 4: Ich mache mir schon so meine Gedanken. Allerdings bin ich selbst bisher nicht darüber hinaus gekommen. Meine Frage ist: Können wir mit dem, was bereits vorhanden ist, dieses “Jugend”-Problem lösen? Also zum Beispiel, indem wir SMJ-Aktivitäten stärker auf Bushaltestellen-Fankreise ausrichten. Aber da muss ich feststellen, und das ist gleichzeitig meine Kritik an der SMJ und an Schönstatt: Wir sind zu elitär. Uns geht es gut, weil wir zu den Leuten gehören, die auf dem Bussteig für den Stadtverkehr stehen, weil wir an jedem beliebigen Ort ein- und aussteigen können. Wir sind ein Schmelztiegel von – das ist nicht wertend gemeint – intelligenten Leuten, die entweder einen Anspruch an sich und die Welt überliefert bekommen haben, oder die sich einen solchen selbst gebildet haben bzw. bilden. Wir sind Leute, die naturgemäß – und das haben wir meistens ebenfalls von unserem Elternhaus mit auf den Weg bekommen – die naturgemäß über den Tellerrand hinausschauen, die beobachten, die Vergleiche und Schlüsse ziehen, die das Leben zu einem gewissen Maß bewältigen, indem sie reflektieren und unablässig Fragen stellen. Das aber ist eine, na ja, Gewohnheit, die sich eben nicht jeder Mensch zugelegt hat. Ich meine mal, dass die Schwelle, die man überwinden muss, um „bei uns“ (Schönstatt im Allgemeinen) mitzumachen, recht hoch ist, wenn man eben nicht von Hause aus mit diesen Skills ausgestattet wurde. Aber ehrlich gesagt bemühen wir uns ja auch nicht wirklich darum, daran etwas zu ändern. Also wird von Schönstatt zumindest in dieser Richtung wohl kaum etwas zu erwarten sein. Ich meine, wir bräuchten eine Neuerfindung, vielleicht so etwas in der Art “Schönstatt Light” oder so: rausgehen auf die Straße, Leute einladen zum gemeinsamen Zeit gestalten, zum Spielen, Musik machen usw. – ohne gleich irgendwelche Inhalte reinzupacken. Einfach nur für die Leute da sein, sie spüren lassen, dass sich jemand für sie interessiert. Nur, das ist die Achillesferse bei dieser Idee: Ich bin, glaube ich, wohl derjenige, der sich so was am wenigsten trauen würde. Das heißt, es bleibt vorerst ein Hirngespinst.
Teilnehmer 1: Aber die Idee ist gut. So was könnte man vielleicht mal ausdiskutieren. Weil Leute, die auf die Straße gehen, gibt es glaub ich genug.
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