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Fight Club – die Lösung lauert in Raum und Zeit

Erfolg lässt sich nicht wiederholen. Auf einen erfolgreichen Film kann kein zweiter folgen, der sich im gleichen Sandkasten tummelt. Das ist eine Erfahrung, wie sie in Hollywood und anderswo immer wieder gepredigt wird. Aber nie befolgt. Von „Matrix“ eins bis drei; über die vier Teile der „Lethal Weapon“ Reihe bis zu großen Sagen wie Star Wars (sechs Filme) oder Star Trek (zehn Filme) – sie alle stehen für ein Prinzip, das jeder noch so klugen Weisheit einen Strich durch die Rechnung macht: Geldgier.

In den seltensten Fällen sind die Fortsetzungen jedoch ihren Originalen ebenbürtig; ja, im Regelfall erreichen sie nicht einmal die Hälfte der Qualität. Erfolg lässt sich eben doch nicht wiederholen. Oder doch? Kann der Streifen „Fight Club – Es lauert im Jugendhaus“ das Gegenteil beweisen? Zunächst einmal: Es würde dem Film Unrecht tun, ihn als reinrassige Fortsetzung des Hildebrandschen Blockbusters („MIxery 2: Die Akte PMC“; der F.L.O.H. berichtete) zu bezeichnen. Wahr ist wohl, dass es sich um die gleiche Besetzung handelt, die auch ungefähr ihre Rollen aus dem Vorgänger wieder aufnimmt. Wahr ist auch, dass Hildebrand einmal mehr auf die schaurig-schmuddelige Kulisse eines in die Tage gekommenen Jugendhauses zurückgegriffen hat. Handlungsentscheidende Außenaufnahmen fehlen dagegen völlig. „Fight Club“ stellt also eine „Closed Scenery“ dar, wie sie im Lehrbuch steht. Unvermeidlich fühlt sich der Zuschauer an den Schocker „Hostel“ erinnert, für den Regie-Legende Quentin Tarantino verantwortlich zeichnete.

Denn auch im Jugendhaus geht es nicht mit rechten Dingen zu. Doch davon erfährt das Publikum zunächst nichts. Lockere Musik und ein sichtlich gut gelaunter Lorenz Tasch führen in ein positives Flair des Easygoing ein, mit allem, was dazu gehört: Shakehand-Rituale ebenso wie flippige Tanzeinlagen der beiden Bewegungskünstler Kilian Machill und Ludwig Hildebrand. Tasch trägt hier die Handlung wie sein Grinsen durch das gesamte Haus, zu Bernhard Staffa und Georg Hildebrand selbst, die sich in der Küche über Belanglosigkeiten unterhalten, hin zur Tischtennisplatte, an der sich wiederum heiteres Treiben abspielt. Auf fast schon hinterhältige Art und Weise wiegt Hildebrand seine Zuschauer so in falscher Sicherheit. Denn das Unheil kommt – aber nicht etwa als plumpes Effektfeuerwerk, an dem man jeden schlecht gemachten Thriller erkennt. Der Schrecken schleicht auf leisen Sohlen praktisch durch die Hintertür herein. Das leere Jugendhaus wird zu einem Symbol für all die Alpträume, die jedem Normalbürger ganz gut bekannt sind: verlassen, vergessen. Hildebrand spielt mit den Gefühlen der Kinogänger wie auf einer Silbermann-Orgel.

Fast wünscht man sich, diese Angstschweiß treibende Spannung wäre noch ein kleines Stückchen länger aufrecht erhalten worden. Ein wenig zu leichtfertig werden die Antworten und Erklärungen präsentiert, als wenn sie vom Himmel fielen. Keinen Abbruch tut das indes der schauspielerischen Leistung von Johannes Bode, der als Lacher weit über sich hinaus wächst und das Zeug hat, zur Kultfigur zu avancieren. Herausragend auch Josef Tasch in seiner Rolle als eine Art Neo-Neo: Diese Szene raubt den Atem. Würde „Matrix“ jetzt erst gedreht – die Brüder Wachoswki müssten bei Hildebrand in die Schule gehen. Und dann bricht sich die Unvermeidlichkeit Bahn. Wo jedes B-Movie seine Helden in deren Überwindung zu schlagfertigen, aber unglaubwürdigen Übermenschen aufblasen muss, da gesteht Hildebrands Werk mit ernüchterndem Realismus ein: Es gibt keine Entrinnen. Es sind zu viele, sie sind zu stark. Die letzte Bastion – in wunderschöner Metapher kommt hier das ehemalige Pater-Büro zur Geltung – sie schützt nicht mehr.

Was nun geschieht, kann für ausschweifendste philosophische Kontroversen herhalten: Hildebrand verlagert die Handlung in eine andere Dimension, gleichsam in eine andere Realität. Wer ihm dafür Flucht vor der Wirklichkeit vorwirft, greift in seiner Interpretation zu kurz. Stattdessen liegt es nahe, „Raum und Zeit“, diese Schutz– und Wachstumssphäre mit Hildebrands ureigener Überzeugung in Zusammenhang zu bringen: dem Glauben an das Übernatürliche, der Metaebene. Den Kontakt zwischen beiden Welten ermöglicht die Figur des Rainer Gotter. Auf eine pfiffige und beinahe freche Art und Weise hat Hildebrand hier dem griechischen Drama einen populären Lösungsweg entwendet. Zugegeben, Gotter wirkt als „Deus Ex Machina“ leicht unterfordert, kann nicht die gesamte Bandbreite seiner Fähigkeiten ins Spiel bringen. Der Monolog kommt trotzdem recht stimmig rüber und schickt die Helden geradeheraus wieder an die Arbeit – an der Seite eines wie ein Überraschungsei verpackten neuen Charakters. Der Rest ist fast nur noch Formalität.

Hildebrand hat sich nie geäußert, ob er selbst den Erfolg seiner Filme mittels der Einspielergebnisse misst. Damit hätte er jedenfalls kaum eine Chance, denn ebenso wie sein Vorgänger reicht „Fight Club – Es lauert im Jugendhaus“ weit über den geistigen Horizont des Mainstreams hinaus. Jede Geste, jedes Symbol, jeder Dialog und selbst jede Kameraeinstellung fordern heraus, sich der Vielschichtigkeit des Werkes zu stellen und die zahlreichen Bedeutungsebenen wie Zwiebelschalen einzeln in Angriff zu nehmen. Fragen der Art „Warum hat eigentlich …?“ werden am Ende trotzdem bleiben – dieser „Akte X“-Effekt ist dem Talent des Regisseurs zuzuschreiben. Über „Fight Club“ wird man nicht so schnell fertig. Da können die Beamten von der SSP noch so oft rufen: „Licht aus! Tür zu! Aber dalli!“


Autor: Janno Jorkens-Jüttchesmüller
Rubrik: mag » misc
Eingestellt am 16. Dezember 2006
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 25, Dezember 2006
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