HAUPTSEITE | INHALT | KONTAKT | IMPRESSUM

[Valid RSS]

» report

Wo sind all die Helden hin?

Da standen sie, zu sechst, aufgereiht in Frack und Fliege (okay, es gab gewisse Schwankungen im allgemeinen Sakko-Level, aber das ist eine Nebensache), teils mit freudigen, teils mit wehmütigen Gesichtern. Am Ende des offiziellen Gala-Programms wurden sie nun geehrt und verabschiedet. Sechs gestandene Männer, die mehr als anderthalb Jahrzehnte die SMJ in der Regio Wegweiser mitgestaltet und teilweise entscheidend geprägt haben. Helden, ja Titanen könnte man sie nennen. Jungmänner, die sich wirklich verdient gemacht haben um all das, was Schönstatt-Mannesjugend auszeichnet.

Das stand der Rhöner und Wahlsachse Tassilo, der seit Jahren versucht, den inneren Geheimnissen des menschlichen Körpers auf die Spur zu kommen (er will Arzt werden). Er gehörte schon zur Regio dazu, als Jungmänner aus der Rhön noch eine eigene Fraktion stellten. Sie kamen stets gemeinsam, und sie kamen mit Wucht. Mit ihrer Rechtfertigung „In der Rhön sind alle schön“ musste das Inventar des Jugendzentrums Marienberg schon mal einiges aus- und der Ratskeller meist noch mehr bereithalten. Er jedoch konnte nie so richtig zu diesem Pulk marodierender Rabauken gezählt werden. Als eher stillerer Zeitgenosse zeichnete er sich durch seine Aufmerksamkeit und seine Gitarrenkünste aus. Die Meute verschwand zwischen den Zeilen der Geschichtsschreibung. Tassilo aber blieb standhaft und sein Name wurde alsbald als Synonym für die SMJ in der Rhön verwendet. Zunehmend tat er sich als Meister des trockenen Humors hervor, der selbst an besinnlichen Besinnungswochenenden ganze Heerscharen zu Lachanfällen reizen konnte. Unvergessen bleibt auch der Weltjugendtag 2000 in Rom. Der Kreis Neuer Weg war sich hinterher einig, dass Tassilo beitreten müsse – ob freiwillig oder mittels Assimilation.

Das stand auch der „Bär“ in der Reihe mit den anderen. Ein Name, von dem er an jenem Abend einmal mehr unter Beweis stellen konnte, dass er ihn zu Recht trägt. Er stemmte den Standesleiter der deutschen Mannesjugend, der ja neben seinem geistlichen und pädagogischen Gewicht auch einiges an Körpermasse auf die Waage bringt (die genaue Zahl muss wohl ein Geheimnis bleiben). So hatte es Stephan, der Bär, schon mit einem übergewichtigen Regiosprecher getan, als er erst halb so alt war. Damals, in Kirchmöser, geschah es, dass ihm niemand glaubte und er jeden eines besseren belehrte ob seiner Körperkraft. Und zahlreiche andere Talente und Fähigkeiten schlummerten in ihm wie in einem verborgenen Schatzkästchen. Er trieb damit keinen Wucher, sondern setzte sie behutsam und angemessen ein. Störenfriede im Zeltlager disziplinierte er, indem er ihnen Gute-Nacht-Geschichten erzählte. Seine eigenen Gruppenmitglieder bekamen nicht selten seinen besonderen Ehrgeiz zu spüren, wenn er sie zu Höchstleistungen im Errichten von Bauwerken oder im Säubern und Aufräumen des Zeltes anspornte. Beim Hajk legte er seinen Grüpplingen – das darf an dieser Stelle verraten werden – Steine in den Rucksack, damit die Tour nicht zu leicht würde.

Olli, der Recke – auch er mit seiner schwarz-gelben Biene-Maja-Krawatte stand bei den sechs Aussteigern. Seine Geschichte ist wohl eine besondere, noch mehr besonders (geht das?) als andere besondere Geschichten. Denn sein Einstieg unterschied sich gänzlich von dem aller anderen. Er fand zur SMJ, indem er seinen Freund seit Schulzeiten, Stephan, zum Reinisch-Treff und später zu Treffen des Kreises Neuer Weg begleitete. Er fühlte sich wohl – wie sich auch die anderen Kreismitglieder mit ihm wohl fühlten – und blieb. Interesse und Engagement wuchsen, er setzte sich ein in Zeltlagern als Wirtschaftsleiter oder Koch. Dabei stellten sich die Insel und das Boot als seine Leidenschaften heraus. Im Jahre des Herrn 2001 schließlich ließ er sich taufen und der gesamte Kreis stand Pate. Zugegeben, dieses Kapitel der Story weist sowohl helle Licht- als auch dunkle Schattenseiten auf. Doch an seinem Bekenntnis zum Glauben konnte das nichts ändern und so ist er heute aktives Gemeindemitglied. Bei dem Hobby, das den Kreis Neuer Weg fast vollständig wie ein Fieber erfasst hatte – die Rede ist hier vom Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ – glänzte er als Meister und auch später als Akteur mit einer besonders blumigen Phantasie. Es macht einfach Spaß, mit ihm zusammen auf Heldenpfaden zu wandeln; sei es im realen Leben oder mittels Vorstellungskraft.

STH: dieses Kürzel ist ein Synonym für Übersicht, Professionalität und eine Lebenseinstellung: „Bleibt ruhig, ich habe alles im Griff“. Na ja, er selbst, Stephan, konnte manchmal ganz schön aus der Haut fahren. Diesen cholerischen Wesenszug bekam vor allem zu spüren, wer ihn nach stundenlangem und hochkonzentriertem Spiel bei „Die Siedler von Catan“ schließlich doch besiegte. Es ist allerdings nur ein einziges solches Ereignis bekannt – seine Gewinnquote liegt nach wie vor bei fast 100%. Stephan war in den meisten Fällen mit Gitarre in der Hand anzutreffen und solchermaßen von keinem abendlichen Lagerfeuer wegzudenken. Egal was er spielte, Zuhörer fanden sich stets fast auf der Stelle (schließlich gab es da ja auch mal die „Artists Of Survival“ – aber das ist eine andere Geschichte). In Rom ging das einmal so weit, dass aus einem sommerlich-nächtlichen, von Gesang und Gitarrenspiel begleitetem Nachhauseweg nach kurzer Zeit eine Prozession singfreudiger und feierlauniger Anhänger wurde, die es auch nicht störte, in sozialistisches Liedgut einzustimmen … Verlassen konnte man sich neben seinen Stilblüten (Stephan: „Guck mal, ein fließender See!“ Olli: „Das ist ein Fluss!“ Stephan: „Mein’ ich doch!“) auf seine Übersicht und seine Professionalität in der Tat: ob als Kreisführer oder Finanzhai.

Und ein weiteres Synonym, ja ein Symbol, das mehrere Generationen von SMJlern sozialisierte, fand sich an jenem denkwürdigen Abend in der Reihe der zu Verabschiedenden: Hoppel. Lassen wir uns das noch einmal auf der Zunge zergehen: H-O-P-P-E-L. Ursprünglich als schlechter Wortwitz von abgehalfterten Lästerern in die Welt gesetzt (denn „Haase“ schreibt sich mit zwei „a“!), avancierte der Begriff zum Kult – und zum Label für einen Wert, der alle Zeiten überdauerte, bis heute: Treue. Sebastian war immer da. Sebastian war immer für einen Scherz zu haben (ob nun über Kamillentee, Kommandotöne oder den berühmten „Haasenstall“). So wie es noch Jahre dauern wird, bis die alte Generation begreift, dass es die Mauer nicht mehr gibt, so wird es Jahre dauern, bis die Regio Wegweiser begreift, dass es keinen Hoppel mehr gibt. Jedenfalls nicht mehr innerhalb der Jungmännerschar. Dagegen scheinen sich die Anzeichen zu verdichten, dass sein Taxiunternehmen, das seit etwa zwei Jahren zu immer größerer Berühmtheit gelangt, längerfristig die Aufgabe einer institutionalisierten Kontaktplattform übernimmt. Jedem SMJler wird indes der weckende und allzu markige Ruf des Sebastian fehlen und selbst die Wände der Klause wirken ein wenig leerer ohne dessen hundertfachen Widerhall: „Fenster zu!“

Vermutlich wird es ihn peinlich berühren, wenn er dies liest, oder er wird ganz und gar verärgert sein, oder es lässt ihn kalt. Vielleicht, ja vielleicht freut sich Peter auch darüber, über sich selbst zu lesen: Er war der Prototyp eines Vorbilds. Durch seine stets abwägende Ruhe, durch sein großes Talent, jeden so ernst zu nehmen, wie er war und nicht zuletzt durch seinen tiefen Anspruch an die Sache konnte er die Wirkung erzeugen: „Mensch, das ist einer, der sagt das mit dem Christsein nicht nur, der meint es auch so“. Offiziell hatte er ja den Posten des Diözesanführers der SMJ Magdeburg bis zum Schluss inne (es hatte seit dem Jahr 2000, da er wiedergewählt worden war, keine weitere Wahl stattgefunden). Für ihn stand immer im Vordergrund, dass es weiterging. Zahlreiche Zeltlager, Sterntreffen und Fahrten tragen seinen Stempel. Kritiker meinten, er hätte ein wenig an Fahrt verloren, seit er mit dem Studium beschäftigt sei. Doch er hielt die Fahne hoch und focht schwere Kämpfe bis zum Schluss. Einstecken musste er dabei manches, zum Beispiel den Vorwurf der Rädelsführerschaft gegen „erhabene Vertreter der Kirche“. Unzweifelhaft war er jedenfalls an der Aktion beteiligt, die den Ruf der Unsinkbarkeit der Prometheus mittels eines Gegenbeweises widerlegte … Als Freund und Kumpel kann man Peter nicht hoch genug schätzen. Und es ist tröstlich zu wissen, dass dies auch über die SMJ hinaus möglich bleibt.

Wo sind sie also hin, diese Helden, deren Loblied oder auch Abschied hier besungen wird? Sicherlich werden sie in den Analen der Geschichte einen Platz finden. Aber auf diese ist leider nicht allzu viel Verlass. Tröstlicherweise verfügt jeder von uns über die Möglichkeit, unsere sechs Titanen in persönlicher Erinnerung zu behalten. Damit kommen wir der Sache schon näher. Erfahrungsgemäß lässt sich jedoch behaupten, dass auch das persönliche Andenken mit der Zeit immer weniger hergibt. Bedauerlich. Übrig bleibt nur eine einzige Möglichkeit: Die Freundschaft, die uns mit ihnen verbindet, die Bruderschaft im Geiste und die Verbundenheit im gemeinsamen Glauben wach zu halten. Wenn sich also der werte Leser bis zum Schluss fragt, was denn nun dieser Text bezwecken möchte, dann kann ich als Autor zu einem wahrhaft positiven Ergebnis kommen: Es lohnt sich, immer mal wieder zu betrachten, welch außergewöhnliche Gentlemen die SMJ hervorbringt. Es lohnt sich auf alle Fälle, die Bekanntschaft mit solchen zu pflegen und auszukosten, auch wenn besagte Helden nun einen anderen, einen neuen Weg außerhalb der SMJ beschreiten. Und es lohnt sich und ist jedem zu empfehlen, der selbst mitten im SMJ-Leben steht: ihre Bekanntschaft zu machen und selbst zu einem solchen Helden zu werden.


Autor: Johannes Reimann
Rubrik: life » report
Eingestellt am 19. Februar 2007
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 26, Februar 2007
Trackback: url

Ähnliche Beiträge:
» Sind wir das – Helden der Revolution? | Dezember 2006
» Wo viel Unrecht geschah … – die Entstehung der Reinisch-Nacht (3) | Mai 2008
» Die Alten sind zurück | Juli 2007
» Goldene Zeiten? | Juli 2007
» Als freier Mensch des Gewissens – Die Entstehung der Reinisch-Nacht (4) | Juli 2008

Bisher kein Eintrag  | Neuer Eintrag


Eintrag verfassen

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


*