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Tabasco, Knoblauch, Inselsand

Experten rätseln und Laien sind ratlos. Wenn ein Inselcamp in Kirchmöser, wie es die SMJ Regio Wegweiser auch in diesem Jahr wieder erfolgreich durchgeführt hat, das Motto „Die Insel der außergewöhnlichen Gentlemen“ trägt – wer ist damit dann gemeint? Wie lässt sich ein Gentleman von einem Nicht-Gentleman unterscheiden? Wie das Zeltlager, das zwölf tapfere Anwärter und eine Crew aus sechs gestandenen Jungmännern besucht und gestaltet haben, eindrucksvoll belegen konnte: Die Frage nach der Definition eines Gentleman lässt sich auf den verschiedensten Ebenen mit ebenso vielfältigen Ergebnissen beantworten. Gehen wir an dieser Stelle einmal von der Grundlage, den Grundelementen aus – praktisch von der Substanz, aus der ein Gentleman besteht (und dies sei bitte im Kontext des Zeltlagers zu verstehen). Folgende Aussage kann mit Sicherheit getroffen werden: Es gibt drei Zutaten, aus denen ein echter Gentleman gemacht ist. Der geneigte Leser wird bereits erfasst haben, um welche es sich dabei handelt. Wohl ist hier nicht harter Stahl gemeint, der ja für Männer der Sorte „Ironman“ sicherlich typisch wäre; ebenso wenig kommt grobes Holz infrage, mit dem Angehörige der Männerwelt viel zu oft charakterisiert werden – natürlich durch die Langhaarfraktion. Aber auch Ottos berühmte Analogie auf Seemänner – „Seemänner sind wie eine Briefmarke: außen eine harte Schale und darunter verbirgt sich ein klebriger Kern“ – trifft hier nicht zu. Was einen Gentleman ausmacht, sind drei hochwichtige Elemente, die jedes für sich ein ganzes Bedeutungsuniversum enthalten: Tabasco, Knoblauch und Inselsand.

Beginnen wir beim Knoblauch. Er ist die absolut typische Zutat für jede Mahlzeit in Kirchmöser. Das resultiert zum einen aus einer Notwendigkeit heraus. Wer, so wie die Gentlemen auch in diesem Jahr wieder, Tag und Nacht von kleinen, Blutsaugenden Biestern attackiert wird und verzweifelt miterleben muss, wie diese bereits nach dem zweiten Tag eine Immunität gegen Autan entwickelt haben, der muss zu anderen Mitteln greifen. Zu härteren. Durch die regelmäßige Zuführung einer angemessenen Dosis Knoblauch zum eigenen Stoffwechselkreislauf macht der Gentleman praktisch jede seiner Schweißporen zu einer für Mücken tödlichen Waffe. Zudem verstärkt das Gewächs die inwendigen Verdauungsprozesse. Durch das serienmäßig eingebaute Gebläse lässt der Gentleman nun mit Leichtigkeit einen mit Knoblauch-Wirkstoffen angereicherten „Air Bag“ entstehen, der gleich einem Schutzschild eine für Mücken undurchdringliche Bannmeile schafft. So ist der Gentleman bis zum Auswurf der nächsten Gasblase bequem geschützt. Zum anderen pflegt der Gentleman die Einnahme des Knoblauch auch als Kurzweil und zum Vergnügen. Mag die Wurzel scharf und penetrant schmecken – spätestens ab dem zweiten Tag mundet sie gar köstlich und ist aus der Küche nicht mehr wegzudenken. Knoblauch-Konsum kann sogar zur Abhängigkeit führen. So kursieren Gerüchte, dass im diesjährigen Zeltlager in Kirchmöser erstmals ein Kult aufgetreten sei, der „Mutter Knolle“ als Heilsbringerin verehrt …

Nicht minder zur Erbauung des Gentleman trägt ein Gewürz namens Tabasco bei. Sind ihm der Ursprung und die natürliche Form dieser Zutat genauso unbekannt wie sein originärer Verwendungszweck, findet er doch großen Gefallen daran, jeglicherlei Speise mit dem feuerroten Sud zu würzen. Dafür nimmt er in Kauf, sowohl den Geschmack als auch das ursprüngliche Aussehen der Mahlzeit bis zur Unkenntlichkeit zu verändern. Selbst Nutella-Stullen halten auf diese Weise für das vergnügliche Schmatzen hin. Unterschätzt der Gentleman einmal die feurige Wirkung der Sauce, stehen Joghurt oder Brot griffbereit in der Nähe, den Schmerz von der Zunge zu bannen. Indes ist der Genuss des Mittelchens nicht in der Art mit externen Effekten verbunden, wie es beim Knoblauch üblich ist. Gemeinsam haben beide Zutaten wiederum, dass sich ein Gentleman einer gewissen Sucht nach ihnen kaum zu entziehen vermag. Hat er einmal den Geschmack gekostet und die Wirkung gespürt, kommt Tabasco bei jeder Gelegenheit zum Einsatz. Als Beweis besonderen Mutes und besonderer Männlichkeit gilt es, die Bezeichnung des Gewürzes im Namen zu tragen. „Die Tabasco-Brüder“ etwa suchten das Zeltlager als Phantome ebenso heim wie der berüchtigte und doch noch nie gesehene „Toni Tabasco“. Wer sich letztendlich hinter den Namen verbarg, weiß heute niemand mehr zu sagen.

Weniger Faszination übt das dritte Element aus. Dennoch ist es das wichtigste unter den drei, aus denen ein Gentleman der Erfahrung des Zeltlagers nach besteht. Niemand spricht darüber und keiner nennt es explizit als solches. In den wenigsten Fällen wird es überhaupt wahrgenommen. Das ist umso erstaunlicher, als es doch überall zu finden ist: zwischen Zähnen, Fingern und Zehen; im Haar und in der Hose; auf Tischen und Bänken; an Tafeln. Im Schlafsack und in Töpfen; sogar in der Waschtonne und auf der Zahnbürste. Die Rede ist hier natürlich, wie sollte es anders sein, vom Inselsand. Ungemessen muss bleiben, wie viel davon ein Gentleman an einem gewöhnlichen Lagertag zu sich nimmt, auf welchen Wegen auch immer. Selbst eine Schätzung der Menge wäre gewagt. Und doch kann unbestritten behauptet werden, dass sich dieses Zeug nicht wegdenken lässt. Auf Gitarrenseiten, unter den Fingernägeln, im Schuh und an der Brille – jeder Gentleman trägt es mit sich herum. Sand im Po war ja schon immer cool und ohne das obligatorische Knirschen zwischen den Zähnen bei jeglicher Mahlzeit würde etwas fehlen. Doch es lässt sich auch konstruktiv arbeiten mit diesem seltsamen Stoff. Die Bucht zu verschönern, eine Sandburg zu bauen oder gar als Löschmittel für außer Kontrolle geratene Grills sind allemal kreative Ansätze. Indes herrscht in der Welt der Wissenden immer noch Streit darüber, ob der Inselsand im täglichen Leben zu etwas nütze sei. Über diese Diskussion darf eines nicht vergessen werden: Ohne den Inselsand gäbe es einen Großteil der Insel nicht.

So ist denn das Loblied der drei Grundelemente eines Gentleman gesungen. Über Methan aus der Bucht, Schweiß aus den Poren, Öl aus den Motoren und Regenwasser vom Himmel sollen sich andere Abhandlungen auslassen. Bleibt noch zu sagen, dass sich ein echter Gentleman nicht unbedingt nur an seiner Substanz erkennen lässt. Denn Gentleman kann man auch im Alltag sein, in der Schule, bei der Ausbildung oder am Arbeitsplatz. Knoblauch, Tabasco und Inselsand bleiben indes (hoffentlich) eine Angelegenheit für Kirchmöser.


Autor: Johannes Reimann
Rubrik: life » report
Eingestellt am 2. September 2006
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 24, September 2006
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