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Nur die Harten kamen nach Dresden
Eigentlich bin ich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Aber als uns dieser Herr mittleren Alters entgegenkam, die Treppe hinunter, jede Stufe zählte und ich „… 5132, 5133, 5134 …“ aufschnappte, wurde mir plötzlich heiß und kalt und mein Mut fiel in sich zusammen wie ein schlecht gebautes Kartenhaus. Aber ich will die Geschichte von Anfang an erzählen.
Zur alljährlichen Pfingsttagung ging es in diesem Jahr nicht nach Schönstatt – nicht nur Gott allein, sondern auch unser Tagungsleiter sowie die Hausleitung des Jugendzentrums wissen, warum nicht. Stattdessen fiel die Wahl auf einen Ort, den wir schon seit Urzeiten nicht mehr mit unserer Anwesenheit beehrt hatten: Dresden-Naundorf. „Back to the roots“, könnte man sagen. Immerhin war vor nicht einmal zehn Jahren hier die SMJ der Diözesen Berlin, Dresden und Magdeburg fast schon hyperaktiv gewesen. Zeitzeugen können darüber sicherlich einiges zum Besten geben.
Für mich begann das Abenteuer allerdings schon bei der Abfahrt, nämlich in Trier. Auf Anraten des Tagungsleiters hatte ich diesmal – auch das eher unüblich – statt der Bahn das Automobil zum Beförderungsmittel meiner Wahl erkoren. Und zwar nutzte ich eine Mitfahrgelegenheit mit Direktverbindung nach Dresden, die im Internet angeboten worden war. Thomas, der Fahrer, führe fast jedes Wochenende diese Strecke, da er in Dresden wohne und in Trier arbeite, so erklärte er. Direkt ab Trier fuhr auch Joel mit, der die gesamte Fahrt über plapperte und sich dadurch ein ums andere mal den augenzwinkernden Spott aller anderen Insassen zuzog. Was mich aber wirklich begeisterte, war das Gewitter, das sich direkt vor uns abspielte. Es zog nach Osten und so schoben wir es praktisch beständig vor uns her. Deshalb konnten wir dieses gewaltige Naturschauspiel über mehrere Stunden hin bewundern – nicht zuletzt, weil es der Freitag vor Pfingsten war und der Verkehr aufgrund des hohen Aufkommens nur sehr zäh floss.
Da zuckten Blitze über den Himmel, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Das war kein Wetterleuchten, das waren echte gezackte und verästelte Energiezuckungen, wie man sie so klar sonst nur in Comics zu sehen bekommt. Und sie flammten und gleißten in allen Formen und Richtungen, von oben nach unten, von links nach rechts. Das allergenialste Bild sehe ich noch vor mir, als wäre es gerade eben passiert: Hinter uns geht die Sonne unter (klar, wir kamen ja aus dem Westen) und schleudert ihre Strahlen gegen die riesige graue Wand aus Wolken, die sich vor uns erstreckt. Daraus entsteht ein gigantischer Regenbogen. Und mitten hinein in diese vielfarbene Erscheinung jagt eine ganze Kaskade dieser Bilderbuchblitze, von links nach rechts, wie ein Fächer. Als wäre diese Choreographie monatelang einstudiert worden. Ein Mega-Schauspiel, das zumindest mich in Ehrfurcht versetzte.
Das Gewitter ging vorüber und die Fahrt schließlich auch. Gegen elf Uhr abends setzte mich Thomas schließlich am Bahnhof Dresden-Neustadt ab, wo Frank und Jörg mich eine knappe Stunde später auflasen, um in unser Quartier zurückzukehren, wo Jonathan und Christof schon auf uns warteten. Weil es bereits so spät war, zogen wir alle nacheinander die Betten in unserem frisch renovierten Ferienhaus der Caritas-Anlage längeren Gesprächen vor. Der nächste Morgen bescherte uns ein Morgengebet in der hölzernen Marienhütte mit Blick auf die Elbe. Hier hatten sich vor vielen Jahren sogar schon Kreise gegründet (ach ja, die alten Zeiten). Vor uns auf dem Boden lagen fingierte Zeitungsartikel, die aus der Zukunft zu stammen schienen. Sie berichteten über verschiedene Sachverhalte, wie sie später vielleicht tatsächlich einmal eintreten könnten. Wir unterhielten uns darüber, ob wir das gutheißen könnten oder nicht, welche Tatsache uns mit Angst und welche uns mit Hoffnung erfüllen würde. Dann weihten wir uns selbst und den Tag der Gottesmutter, um anschließend zum Frühstück zu gehen.
Viel hatten wir noch vor an diesem Tag, wir wollten unter anderem eigenfüßig die Bastei bezwingen. Nachdem wir gegessen und weiteres Essen eingepackt hatten, stiefelten wir also los. Bis wir vor verschlossenen Schranken halt machen mussten, probierten wir singenderweise verschiedene Wanderlieder aus, nur um an besagtem Bahnübergang der sächsischen Bevölkerung lauthals das Rennsteiglied darzubieten. Wir wollten zur Elbfähre, um ans andere Ufer überzusetzen. Leider fanden wir nicht den Weg, der normalerweise dorthin geführt hätte. Stattdessen durchmaßen wir forschen Schrittes auf einmal das Gleisbett der Eisenbahn in Fahrtrichtung. Irgendwann, nachdem wir von einem Güterzug überholt worden waren und das Seitengleis endete, wurde es uns dann doch zu mulmig. Wir schlugen uns durch eine fast senkrechte Böschung nach oben und bekamen endlich wieder festen und fürs Laufen geschaffenen Boden unter die Füße. Weil ich das Jugendhaus-Gedenk-T-Shirt trug, wurden wir auf der Fähre von drei Herren angesprochen: „Euch Jungs aus dem Eichsfeld trifft man auch überall“. Einen Gewissen Frust kann ich nicht verhehlen. Hätten sie das zu Jörg gesagt, oder zu Frank, oder zu Jonathan, oder auch zu Christof – aber warum mussten sie ausgerechnet mich als „Eichsfelder“ bezeichnen?
Drüben angekommen, entschieden wir uns gegen den Rentnerweg und für die lange Route, um die Bastei zu erklimmen. Nur ein paar hundert Meter verlief der Weg noch flach, dann ging es an den Aufstieg. Und hier, auf der Treppe nach oben, wo der untrainierte Student nur in zwei Richtungen blicken kann – nach hinten, in Schwindel erregende Tiefe, die Stufen hinunter, die er schon hinter sich gebracht hat; und nach vorn, links und rechts, wo der Blick durch hohe, noch zu bezwingende Felswände verstellt wird – hier begegneten wir dem Herrn mittleren Alters, der von oben kommend so tat, als zähle er die Stufen. Der Anschein, den er sich gab (er schaute nicht eine Sekunde zu uns und schien völlig ins Zählen versunken), war nahezu perfekt. Kein Zweifel, wir hatten noch mehr als fünftausend Stufen zu bewältigen! Erst, als eine Frau hinterher schnaufte, uns zuzwinkerte und uns im Vorbeieilen zurief „keine Angst, der nimmt sie auf den Arm“, glomm wieder ein Funken Hoffnung in mir auf.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir erreichten alle lebend die Bastei und hätten nun stundenlang die Aussicht genießen können, hätte sich da nicht eine riesige Unwetterwand beharrlich in unsere Richtung geschoben. Das sich solcherart am Horizont androhende Gewitter und ein leicht drängelnder Tagungsleiter veranlassten uns, den Rückweg anzutreten. Während wir – auf einer anderen Route – der Herberge zu durch den Wald schritten, reifte in uns die Überzeugung, dass, egal wie gut wir mit Regensachen ausgestattet seien, wir sowieso nass würden. Daher könnten wir leicht Textilien sparen, indem wir mit freiem Oberkörper dem Unwetter entgegen wanderten. Gesagt, getan. Doch erst als wir die Fähre am gegenüberliegenden Ufer verließen, regnete es – aber nun goss es mehr als aus Eimern. Eine Bande Junggesellen Abschied feiernder Kameraden stand, sich an Bierflaschen festhaltend, noch immer unter dem schützenden Dach der Fähre und rief uns „Jawoll! Nur die Harten kommen in den Garten!“ zu, während wir, immer noch oben ohne, bereits unerschütterlich durch den Wolkenbruch marschierten. Gesund und mehr oder weniger munter erreichten wir dann auch, ohne nur ein einziges T-Shirt überzuziehen, das Quartier.
Der weitere Nachmittag und Abend bescherte uns zunächst die Ankunft von Christoph und Pater Michael aus München, später dann ein meditatives Abendgebet und ein Pfingstfeuer. War der Samstag der körperlichen Ertüchtigung gewidmet gewesen, so sollte am Sonntag der Geist zu Wort kommen. In einem wunderbaren Pfingstgottesdienst (eben Pater Michael!) kamen wir unserem Bild vom Heiligen Geist auf die Spur. Mittels einer Traumreise versetzen wir uns am Nachmittag zwanzig Jahre in die Zukunft und jeder von uns konnte erleben bzw. erahnen, wie bewegt die eigene Zukunft sein würde. Nach einem Abendessen unter freiem Himmel, an dem auch die frei herum laufenden Katzen gerne teilgenommen hätten, testeten Jörg als Tagungsleiter und Jonathan als „Robo“ beim Gala-Abend, ob wir „fit for future“ seien und das Zeug zu einer Raumschiff-Besatzung hätten. Über einen Posten konnte sich am Ende jeder freuen, auch wenn zwischen „Maskottchen“ und „Käpt’n“ alles drin war.
Ein gemütliches Frühstück und noch einmal ein guter Gottesdienst am Montagmorgen schlossen die wirklich belebende Tagung. Am Ende konnte man spüren, dass niemand so richtig nachhause wollte. Einen großen und herzlichen Dank an Jonathan und Jörg, die die Pfingsttagung verantwortlich gestaltet und sich dafür wirklich ins Zeug gelegt haben. Ihr ward Klasse! Und an alle anderen, die nicht dabei waren: Ihr wisst jetzt hoffentlich, was Ihr verpasst habt.
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