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Grosse Party mit kleinen Tücken
Freitag, 8. Juni, 9.10 Uhr. Am Bahnhof in Heiligenstadt treffen sich vier unscheinbare Personen: zwei Mädchen, zwei Jungen. Sie kaufen zwei Thüringentickets. Manche mögen sich fragen, warum. Später wird man es wissen. 9.30 Uhr. Der Regionalexpress Richtung Erfurt fährt ein und die vier schnappen ihre Taschen und auf in den Zug. Eine ganz alltägliche Szene. Doch für die vier etwas ganz besonderes. Vor sich haben sie eine gut siebenstündige Fahrt nach München.
München? Ja dort, wo das große Jugendfest der Schönstatt Jugend stattfinden sollte. Sechshundert erwartete Gäste, unter ihnen auch Kardinal Wetter, ehemals Erzbischof von München und Freising und natürlich auch einige Teilnehmer der Schönstatt-Jugend aus dem Bistum Erfurt (Insidern sei gesagt, es waren auch Personen aus der Diözese Hildesheim mit uns in München). 10.00 Uhr. Der Zug fährt in Mühlhausen ein. Unsere Gruppe vergrößert sich auf insgesamt zehn Personen (acht Mal MäJu, zwei Mal SMJ). Dabei auch Maria aus Paraguay, Austauschschülerin. Zurzeit wohnt sie in Struth. Man könnte sagen, bereits jetzt sind wir eine internationale Gruppe. Doch beim Jugendfest waren noch einige Nationalitäten mehr vertreten.
Eine lustige Fahrt beginnt. Schon über die Fahrt könnte man einiges erzählen. Einige Fragen kamen auf: Warum gibt es in Thüringen kein Bayernticket, aber das Hessenticket? Warum muss man bei der Fahrt von Thüringen nach Bayern eigentlich noch extra Tickets lösen, obwohl man doch das Thüringenticket und später auch glücklicherweise das Bayernticket erworben hat? Etwas sarkastisch fanden wir auch die Ansage der Bahn im Zug kurz vor Lichtenfels: „Bitte BESCHLEUNIGT umsteigen“ Eigentlich sollten neun Minuten Zeit zum Umsteigen sein, aber durch Verspätung blieb davon gerade so eine Minute übrig. Glücklicherweise wartete unser Anschlusszug auf uns. Aber trotzdem ein Gerenne.
Nürnberg, 15.07 Uhr. Nach einer Stärkung im McDonalds setzte sich der Zug nach dem vierten und letzten Umstieg ins Rollen. Während der Fahrt stellten wir fest: Wir sind nicht die einzigen Schönstätter im Zug. Wie vorher schon bekannt, trafen wir auf eine Gruppe von 15 Mainzer SMJlern. Am anderen Ende vom Zug saß eine 36-köpfige Gruppe der Würzburger MäJu. Was für eine Überraschung.
Ca. 16.52 Uhr, München Hauptbahnhof. Am Bahnsteig erwartet uns Christoph Nette. Der Anteil der Thüringer SMJ in der Gruppe erhöhte sich auf drei. Und auf ging’s zur S-Bahn Richtung Unterkünfte (Turnhalle). Die war natürlich mit einer Gruppe von sechzig „Mann“ ziemlich gut gefüllt. Die Bahn hält, wir müssen aussteigen. Regen setzt ein. Keiner weiß genau, wo wir hin müssen. Wie könnte es anders sein, übernimmt die SMJ Regio Wegweiser (…) die Führung und schlägt einen Weg ein. Alle folgen, musste wohl richtig sein. Der Regen wird stärker. Kaum jemand hat eine Regenjacke oder einen Schirm dabei. Jonathan auf alle Fälle war bestens mit Regenjacke ausgerüstet. Ein nach Gefühl sehr langer Marsch bei strömenden Regen, wohl so einen Kilometer. Was für ein Empfang … Das Ergebnis lässt sich erahnen. Zeugnis davon können noch einige beschädigte Förderunterlagen geben.
Dann: Endlich angekommen! Dort ein kleiner Einlass. Kaum zu sehen, aber dort ist es. Der Eingang ist natürlich für sechzig Personen auf einmal viel zu klein. Da wir „den Weg wiesen“, waren wir natürlich an der Spitze und konnten uns in der Turnhalle einen der besseren Plätze einnehmen und mussten nicht so lange im Regen stehen, wobei: An viel Schlaf war die Nächte nicht zu denken. In SMJ-Kreisen hatte es sich bereits rumgesprochen, wann die Busse nach Klein-Schönstatt fuhren. Natürlich nahmen wir gleich den nächsten. Wie nicht anders zu erwarten: Natürlich ziemlich überfüllt. Dann: „Einchecken beim Festgelände“. Rainer ist in seiner leuchtend gelben Notfallseelsorger-Jacke nicht zu übersehen.
Gleich nach den ersten Metern begrüßt uns Pater Michael. Man könnte denken, er habe den ganzen Abend da gestanden und nur auf uns gewartet. Man fühlte sich gleich wie Zuhause. Ansonsten auch viele bekannte Gesichter. Natürlich aß Pater Michael auch gleich mit uns Abendbrot. Das Jugendfest hatte begonnen. Die JuFe-Band spielte die ersten Lieder. Die Stimmung war super! Nach und nach wurde das große Bayernzelt immer noch voller und voller. Auch die Thüringer Gruppe wuchs auf 18 Personen an – teils mit ICE, per Nahverkehrszüge und teils per Auto angereist. Es folgte die offizielle Eröffnung. Nach einer sehr bewegenden Vigilfeier klang der Abend in den Schmankerlzelten aus: Bayernzelt, Frankenzelt, Schwabenzelt, Partybus, …
Nach und nach fand sich ein Großteil der Thüringer SMJler und entsprechender Anhang im Schwabenzelt ein. Das Interesse an der im Kinderwagen schlafenden Pauline war so groß, das kurzerhand ein Schild aufgestellt wurde: „Einmal Pauline gucken – 50ct!“ Der Abend ging noch bis weit über den Tageswechsel hinaus. Später zeigte sich, dass man auch ruhig länger sitzen bleiben konnte, denn an Schlaf war in der Turnhalle noch lange nicht zu denken. Ein paar kamen sogar noch auf die Idee, gegen 3 Uhr (?) in der Turnhalle Fangen zu spielen. Daraufhin ging ein Aufruhr durch die Halle. Mit Eichsfelder Dialekt wurden sie aufgefordert, das gefälligst zu unterlassen Aber davon können andere mehr berichten. Christoph und ich hatten einen recht guten Platz. Am Rand gelegen und bis auf die knarrende Tür eigentlich ruhig – der erste Tag war vorbei.
Mit der Zeit nahm der Rumor in der Halle am nächsten Morgen zu. Alle wurden wach. Schnell auf nach Klein-Schönstatt. Das Frühstück wartete! Auf dem Samstagsprogramm stand anschließend eine Podiumsdiskussion u. a. mit dem Münchner Weihbischof Haßlberger und weiteren Professoren und eher lokalen Persönlichkeiten, sowie mit Vertretern der Schönstatt-Jugend. Das ganze Podium kann man sich im Internet anhören. Langsam wurde das Zelt immer leerer und immer mehr Jugendliche trafen sich im Freien und genossen das 1a-Wetter. Nach der Mittagspause bestand das Angebot, an den verschiedensten Workshops teilzunehmen oder einfach den Nachmittag in München zu verbringen. Das Angebot reichte von eher theoretischen Gesprächsforen bis hin zu Menschenkicker, Afrikanischer Musik, Gestalten mit Hufnägeln usw. Außerdem gab es ein riesengroßes Kuchenbüffet.
Und schon bald nahte ein weiterer Höhepunkt des Jugendfestes, der Festgottesdienst mit Friedrich Kardinal Wetter. Neben den JuFe-Teilnehmern war auch die ganze Schönstattfamilie in München und alle Interessierten eingeladen. Das Bayernzelt war bis auf den letzten Platz gefüllt. Und dann ging es los. Der Kardinal zog mit Weihbischof und allen anwesenden Priestern ein. Es waren viel zu viele, um alle zählen zu können. Die Stimmung kann man nicht beschreiben. Man kann fast sagen, ein kleiner Weltjugendtag. Die JuFe-Band gab alles. Einzigartig. Einige der Lieder entwickelten sich zu richtigen Ohrwürmern. Die ganzen Teilnehmer waren in Feierstimmung. Und diese sollte noch länger erhalten bleiben. Selbst das Abendbrot wurde da zum Ereignis. Je Zehnergruppe gab es immer ein „Fresspaket“ mit allen drum und dran, was man für ein köstliches Abendbrot braucht. Vom Aufschnitt bis zum Wein war alles da. Eine super Atmosphäre. Es gab viel zu erzählen und zu lachen.
Später spielten die „Sunshine Partyboys“ auf. Nacht beleben – tanzen, feiern, genießen. Viele wagten sich auf die Tanzfläche. Alles war in Feierstimmung. Im Biergarten trafen sich u. a. die Thüringer, die grad nicht auf der Tanzfläche waren. Wie konnte es anders sein, auch Pater Michael war bei ihnen. Im Laufe der Nacht teilte sich die Gruppe immer weiter auf. Auf nähere Details verzichte ich an dieser Stelle lieber. Irgendwann jedoch ging auch diese Nacht zu ende. In der Turnhalle herrschte in dieser „Restnacht“ eine ungewöhnliche Ruhe.
Mit einer schlechten Nachricht wurden wir am Sonntagmorgen aus dem Schlaf gerissen. Die Polizei hatte etwa einen Kilometer von Klein-Schönstatt entfernt auf dem direkten (aber den Teilnehmern unbekannten) Weg zur Turnhalle schon am Samstagmorgen eine weibliche Leiche gefunden, an einem Baum erhängt. Für alle ein Schock. Da die Leiche nicht identifiziert werden konnte, mussten alle Teilnehmer sich am Ausgang der Turnhalle UND am Eingang nach Klein-Schönstatt in die Teilnehmerlisten eintragen. Es bildeten sich riesige Schlangen. Die eher ausgelassene Feierstimmung hatte sich zu einer sehr betroffenen gewandelt. Mit einen solchem Zwischenfall hatte keiner gerechnet. Da half auch das außergewöhnliche Frühstück nichts. Die ganze Münchner Schönstatt-Familie hatte sich in ins Zeug gelegt, um der Jugend ein herrliches Frühstück zu bereiten. Kein einfaches Frühstück, nein, alle möglichen Leckereien gab es. Leckerer Kuchen, Brezeln, … Wahnsinn, was die Schönstatt-Familie alles auftischte. Alle wurden mehr als satt.
Stark gestört wurde die trotz des Zwischenfalls noch recht gute Sonntagsstimmung, als Rainer plötzlich auf die Bühne trat. Hoppel war glücklicherweise schon mit dem Auto aufgebrochen, sodass er folgende Ereignisse umgehen und sich pünktlich auf die lange Heimfahrt machen konnte. Rainer „verkündete“, dass gleich die Polizei auf das Gelände kommen würde und alle einzeln über den Fall des erhängten Mädchens befragen würde, da nicht auszuschließen war, dass es sich um Mord handelte. Außerdem war nicht klar, ob das Mädchen am JuFe teilgenommen hatte. Und kurz danach war Klein-Schönstatt mit Polizisten übersäht. Der Leiter der Mordkommission trat auf die Bühne und erläuterte die weiteren Schritte. Das Bayernzelt war durch Polizeiabsperrungen abgeriegelt. Keiner durfte es verlassen. Nach Diözesen geordnet wurden jedem Teilnehmer Bilder vom Mädchen und ihrem Schmuck gezeigt, ob jemand es gesehen habe. Wie später bekannt wurde, kannte es keiner. Im Zelt herrschte eine sehr bedrückende Stimmung. Über dem Zelt kreiste der Polizeihubschrauber. Selbst auf Toilette konnte man nur in Polizeibegleitung gehen. Wir waren mitten in einen womöglichen Mordfall hineingeraten. Und uns lief die Zeit davon. Ohne Befragung konnte keiner das Zelt verlassen, aber wir durften unseren Zug nicht verpassen, wenn wir, die mit dem Regionalverkehr gekommen waren, am selben Tag noch im Eichsfeld ankommen wollten.
Uns vor unserer eigentlichen Diözese zu befragen, war die einzige Möglichkeit, aber keiner konnte uns bei unserem Anliegen weiterhelfen. Die gesamte JuFe-Leitung und die Notfallseelsorge waren im Stress. Durch Zufall trafen wir auf eine Frau von der Telefonseelsorge aus der Münchner Schönstatt-Bewegung. Sie half uns, dass wir uns ganz offiziell vordrängeln durften. Und plötzlich ging alles relativ schnell. Die Polizei nahm die Personalien auf, zeigte Bilder. Zum Schluss noch ein Bild mit Kennzeichen, wie im Gefängnis, und wir konnten das Bayernzelt verlassen. Eine Verabschiedung von den anderen war nicht mehr möglich, da wir nicht zurück durften. Doch es vergingen noch einige Minuten, bis wir all unsere Sachen zusammengesucht hatten. Durch das Mitnehmen wenigstens der Andenken, wenn wir schon in einer solchen Situation aufbrechen mussten, gingen vielleicht die entscheidenden Sekunden verloren. Der Bus fuhr uns förmlich vor der Nase weg. Auch wurde jetzt das ganze Ausmaß der Polizeiaktion sichtbar. Nicht nur das Bayernzelt war von Polizisten umstellt, sondern auch das ganze Gelände war mit weiteren Polizisten abgeriegelt. Entgegen unserem (Notfall-) Plan fuhr der nächste Bus doch später. Zu spät!
Also zurück nach Klein-Schönstatt. Nach einigem Suchen fanden wir die Frau von der Telefonseelsorge wieder, die schon vorher gesagt hatte, sie würde uns im Notfall zum Bahnhof fahren. Ein hilfsbereiter Bayer fuhr die Übrigen zur nächsten U-Bahnstation. Allen kann man nur herzlichen Dank sagen, auch wenn sie dies hier wahrscheinlich nie lesen werden. Mit etwas Stress kamen wir doch noch rechtzeitig am Bahnhof an. Als wir dann endlich im Zug saßen, hatten wir es endlich geschafft. Nun konnte uns nur noch die Verspätung der Bahn aufhalten, aber es ging alles glatt. Störend waren nur noch die teilweise völlig überfüllten Nahverkehrszüge. Als wir endlich Sitzplätze hatten, fielen den meisten unserer kleinen Gruppe (sieben Mal MäJu, einmal SMJ) nach und nach die Augen zu. Kein Wunder nach dem ereignisreichen Wochenende. Die Tickets für die Rückfahrt hatten wir zum Glück schon bei der Hinfahrt gelöst, sodass uns dieser Stress diesmal erspart blieb. Gegen 20.30 Uhr kamen wir endlich wieder in Heiligenstadt an. Ein paar waren wieder bereits in Mühlhausen ausgestiegen.
Zum Schluss bleibt zu sagen, dass zumindest bis Samstagabend eine unbeschreibliche Stimmung auf dem ganzen Gelände herrschte. Alles war aufs beste geplant. Auch die schwierige Situation am Sonntag wurde von der JuFe-Leitung super gemeistert. Wie von den noch länger Dagebliebenen berichtet wurde, gab es mit einer großen Verspätung doch noch die eigentlich geplante Aussendungsfeier mit Einzelsegen. Zukunft beleben. Auch 18 Leute von der Thüringer Schönstatt-Jugend nahmen am Fest teil und waren und sind noch begeistert. Bleibt zu hoffen, dass die Impulse und die Idee des Themas „Zukunft beleben“ Kreise zieht. Doch dazu mehr in einen späteren Artikel.
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