HAUPTSEITE | INHALT | KONTAKT | IMPRESSUM

[Valid RSS]

» report

Endlich mal wieder auftanken …

In meinem Berufsleben mit durchschnittlich 70-Stunden-Arbeitswochen habe ich nur selten Zeit inne zu halten und abzuschalten. An Impulse außerhalb von Arbeit und Familie ist eigentlich kaum zu denken. In diesem Jahr habe ich mich mehr nach Urlaub gesehnt als die Jahre zuvor. Dann war es soweit und ich konnte mit meiner Familie 3 Wochen Ende Juli und Anfang August ausspannen. Aber richtig auftanken war erst Mitte August angesagt ...

Dieses Jahr war mein 18. Jahr auf Kiehnwerder – sozusagen die Volljährigkeit. Selten war mir die Erholung so bewußt wie dieses Mal. Ich glaube, daß in dieser Woche im August Körper, Geist und Seele bei mir wieder in Einklang gekommen sind. Es kamen in den Wochen zuvor schon einige Anmeldungen und beim „mittendrin“ – Wochenende in Heiligenstadt noch einige Kurzentschlossene dazu. Wir waren schließlich zusammen 20 (Jung-)Männer in der „Nacht der Nächte“. Die ganze Woche war von einer Gemeinschaft erfüllt, die für mich selten so intensiv war. Es ergaben sich zahlreiche tiefe Gespräche. Ich habe das wunderbare Wetter in vollen Zügen genossen. Es war super, mal wieder so hart umkämpft Volleyball zu spielen. Das baden mit der „Schlauchboot-Theke“, das „einfache Leben“ mit den abendlichen Grillrunden mit original Thüringer Rostbratwurst und gegrilltem Zander aus dem See oder die Singerunden am Lagerfeuer. Jeder brachte sich ein und packte mit an.

In diesem Jahr war unsere Wallfahrt zur Gedenkstätte in der JVA Brandenburg – Görden anders. Wir starteten wie immer mit einer Führung an der Hinrichtungsstätte von P. Reinisch. Hier trafen wir das Ehepaar Casper aus Herten (Ruhrpott). Er hatte seinen Onkel am vorletzten Hinrichtungstag 1945 in Brandenburg verloren, wenige Tage vor der Befreiung des Zuchthauses. Es war viel intensiver durch die „Zeitzeugen“ mit ihrem persönlichen Verlust und ihren Erzählungen. Er hatte Aufnahmen mit seinem Camcorder gemacht, die er uns nun auch zugeschickt hat. Nach unserer Andacht an der Todesstelle fuhren wir quer durch die Stadt zum Krematorium. Dort wurden die Hingerichteten (fast 3000) aus dem Zuchthaus eingeäschert. Hinter dem Krematorium ist ein Urnenfeld mit den Opfern der NS-Zeit. Höchstwahrscheinlich war auch die Urne von P. Reinisch hier bestattet gewesen bis sie nach dem Krieg nach Schönstatt kam. Nach einem Totengedenken ging es noch zu der 3. Station unserer Wallfahrt. Mitten in der Stadt Brandenburg stand das alte Zuchthaus, das von der Anstalt in Görden abgelöst wurde. Dieser Bau wurde zur Euthanasie an Behinderten in den Jahren 1940/41 benutzt. Heute stehen nur noch einige Grundmauern. Einige Gedenkstelen erinnern an die hier stattgefundenen Verbrechen. Es war eine intensive Wallfahrt mit vielen Ausführungen von Herrn Reichel – unserem ortsansässigen Begleiter.

Aber nicht nur dieser Wallfahrtstag hatte es in sich, auch die diesjährige Reinischnacht war intensiver als sonst. Schon die Eröffnung in der Kirche mit Texten über die Gewissensentscheidung P. Reinischs und Verlesung des Todesurteils war berührend. Die Gespräche in den nachfolgenden Stunden waren tief und bewegend. Der Gang auf den Mühlberg und zum Grab der Geschwister Wulf wurde von einem Wetterleuchten begleitet, das aus den „Mordorszenen“ vom Herrn der Ringe hätte stammen können. Die ganze Nacht war ungewöhnlich warm. Schließlich waren wir 20 Männer in 4 Booten auf dem nächtlichen See. Pater Hans-Martin predigte zum ersten Mal auf dem See. „ Der Sturm schaukelt das Boot mit den Aposteln auf dem See – aber Jesus liegt ruhig da und schläft …“ Und nun kam auch das Wetterleuchten näher, der Wind frischte auf, die Wellen schlugen gegen unsere Boote. Es ist war Stimmung die auch verängstigen hätte können. Noch vor der Dämmerung waren wir zurück in der Kapelle und feierten in der Todesstunde die Heilige Messe.

Die letzten Tage waren vom Aufräumen und Abbauen des Insellagers sowie dem schrittweisen Abreisen der Teilnehmer geprägt. Trotz allem war es aber geordneter als so manches Mal. Selbst ein abendlicher Regenschauer am vorletzten Tag brachte uns nicht mehr aus der Ruhe.

Für mich war es ein Ausbrechen aus dem Alltagstrott. Mein Geist drehte sich nun für Tage nicht um Patienten, Operationen, Visiten, Krankenakten…
Es tat gut, wieder mal zu beichten, sich das eigene Leben und Erleben bewußter zu machen, sich auf die alten Freunde einzulassen. Der Körper kam auch nicht zu kurz: obwohl in Kirchmöser noch nie Kalorien gezählt wurden, hatte ich 1kg abgenommen. Sicher waren nicht nur die Volleyballspiele und das Schwimmen Schuld, sondern auch die aufwendigen Materialtransporte hin zur Insel und zurück in die Scheune. Am Ende war trotz manchem Schweißtropfen die Erholung groß. Die Abreise fiel mir schwer wie selten, aber ich hoffe, im nächsten Jahr wieder kommen zu können.


Autor:  Markus O. Heinrich
Rubrik: life » report
Eingestellt am 12. Oktober 2009
Zuerst veröffentlicht
Trackback: url

Ähnliche Beiträge:
» … TAUCHEN … | September 2010
» Endlich mal wieder Fight Club | November 2008
» Reinisch – Treff | April 2009
» Unverrückbar wie die Berge der Heimat | September 2006
» Wo viel Unrecht geschah … – die Entstehung der Reinisch-Nacht (3) | Mai 2008

Bisher kein Eintrag  | Neuer Eintrag


Eintrag verfassen

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


*