HAUPTSEITE | INHALT | KONTAKT | IMPRESSUM

[Valid RSS]

» hq

Männerwelt

Am 10. Mai wäre das Jugendhaus Güsten zehn Jahre alt geworden

Still und verschlafen liegt das kleine Städtchen in der heißen Nachmittagssonne. Vom Zentrum bis hin zum Ortseingang regt sich nichts, scheint jemand die Zeit angehalten zu haben für seine Siesta. Die Tankstelle, die sich geradezu wie ein Vorposten über die Stadtgrenze hinaus ins Niemandsland erstreckt, hat wieder einmal die Preise erhöht – weil Wochenende ist. Auch hier herrscht schlummernde Ruhe. Über glühendem Asphalt flimmert die Luft und sehnt sich nach einem kühlenden Windhauch. Die ganze Ortschaft scheint wie ausgestorben; ein Wesenszug, der ihr von Besuchern immer wieder ein liebevoll schimpfendes „blödes Kaff“ einbringt. Einzig die Grillen singen am Straßenrand ihr ewig gleiches Lied von der erbarmungslosen Hitze.

Doch da, von Osten her, rauschen zwei Vehikel in freudiger Eile heran. Ein silberner Opel Astra und ein bordeauxroter Renault 19, beide besetzt mit jeweils vier jungen, kräftigen Männern, halten, so gerade es die Straße erlaubt, auf das Städtchen zu. Es ist die Erwartung, die Vorfreude auf ein gemeinsam verbrachtes Sommerwochenende, die als zusätzlicher Treibstoff die beiden Wagen nahezu beflügelt – eigentlich könnten sie auch auf das viel zu teure Benzin verzichten. „Where Do You Go?“ klingt es aus den Autoradios, denen die jungen Männer in ihrem angeregten Gespräch allerdings kaum Beachtung schenken. Wo sie hinwollen, das wissen sie schon lange – und sie steuern genau darauf zu.

Es ist Mai, oder Juni, oder Juli. Aber was spielt das für eine Rolle. Die Sonne schleudert ihre Strahlen so verschwenderisch der Erde entgegen, dass die acht Jungs in Gedanken bereits auf der Wiese des Schwimmbads liegen, dessen Besuch morgen auf dem Programm steht. Inzwischen haben sie ihr Ziel erreicht. Der höchste Turm in der Stadt war ihnen dabei stetiger Wegweiser. Sie betreten das Grundstück, auf dem die Kirche im Dorf steht, nicht durch den Haupteingang, sondern von gegenüber – denn Männer kommen immer hintenrum. Hier, gleich neben dem Tor, steht es: das Haus, das für diese knapp drei Tage wieder alle Freude, alle Begeisterung, allen Spaß, alles Miteinander, alle Scherze und alles wortlose Verstehen beherbergen wird. Es ist eine Männerwelt, ein Biotop, von ihnen durch ihrer eigenen Hände Arbeit errichtet und ausgefüllt durch ihren Geist in dem einen unermesslich wertvollen Bündnis, das die ganze Welt umspannt.

Hier ist Wohlsein. Das erleben sie immer wieder, wenn sie hierher, wenn sie nachhause kommen. Und obwohl dieses eigentümliche Haus eigentlich nur die Kulisse bietet für das Geschehen, das sich zwischen Menschen abspielt, gehört es doch ganz im Sinne des Gründers zum Geflecht der Beziehungen dazu: Bindung an Orte. Da ist die Küche, Hort der säuberlichen Mülltrennung (und der immer viel zu wenigen Thermoskannen), aus der so mancher Bohneneintopf mit Hühnerklein hervorgegangen ist; da ist der Schlafraum mit seinen kultig schäbigen Aluminium-Doppelstockbetten aus den Beständen einer längst vergangenen Armee, mit dem Gästebuch, auf dessen Seiten sich zu verewigen stets Vergnügen bereitet, und auch mit dem Schrank, in dem der Besucher immer eine frische Garnitur Bettwäsche finden kann; da ist der Raum, der als einziger einen Namen hat und der mit Bar, Sitzecke und Natursteinwänden zu echter Geselligkeit einlädt: die Flotte Grotte.

So klein und eng das „Kaff“ erscheint, so weit, ja bald unendlich sind die Welten erfrischenden Männerlebens, die sich innerhalb dieser Wände entfalten. Das Haus wirkt gleichsam wie ein Brennglas, das alle Fähigkeiten, alle Kreativität und allen jugendlichen Anspruch an die Welt, ja an das Leben selbst, zu einer unvergleichlichen Atmosphäre bündelt, so dicht, dass sie fast mit Händen greifbar scheint. Dieses Gebäude ist wie eine Schmiede, in die Jungs, roh wie Erz, sich hineinsenken lassen und als Männer, fest und gestählt, wieder hervorgehen. Es ist eine Stätte, aus der Legenden entstehen, die leben, die begeistern, die voranbringen. Die acht jungen Männer spüren es, wie sie es jedes Mal spüren. Es ist wie eine Macht, die sie umgibt. Sie können all ihre Ängste fallen lassen, sich ganz öffnen. Sie fühlen sich gehalten und getragen voneinander.

Es klingt fast wie ein Paradies, und das ist es auch. Für dieses Wochenende ist das Jugendhaus in Güsten wie der Himmel für sie. Und insgesamt vier Jahre lang ist es das auch für die ganze Schönstatt-Mannesjugend der Bistümer Berlin, Dresden und Magdeburg. Es trägt den Namen eines Blutzeugen Christi, der gerade eben erst in die Reihen der Seligen aufgerückt ist. Karl Leisner, Patron der Jugend Europas, soll seine Aufmerksamkeit hierhin besonders lenken. Immerhin ist auch sein Bruder Willy, der ja noch lebt, einmal Gast in diesem Haus – aus Anlass eines der unzähligen lebhaften Treffen, die den ansonsten so lethargischen Ort erbeben lassen von Begeisterung und junger Energie.

Und vom Gebet. Die überschwänglich gesungenen Lieder, die Klänge der Gitarren erheben die Dorfkirche zum Dom der Jugend. Er ist die Schnittstelle nach oben, das Ventil für die Ströme, die vertikal in beide Richtungen fließen. Zwar ist kein Heiligtum in der Nähe. Aber die MTA hat dennoch feierlich Einzug gehalten und lässt auch die unbedarften sonntäglichen Kirchgänger wissen, dass SIE hier das Sagen hat. SIE ist die Königin dessen, was hier geschieht, was hier vorgeht – in den jungen Männern und durch sie für IHR Werk Ein Werk, das besonders hier wieder einen Menschen in seinen Bann schlägt und dazu begeistert, einen neuen Weg zu gehen. Es ist dies der krönende Höhepunkt des gläubigen Lebens, das sich vier Jahre lang hier entfaltet.

Doch sie ist längst vergangen, die Zeit, da Güsten zu den Brennpunkten der Mannesjugend zählte. Sie ist inzwischen kaum mehr als eine Randnotiz in der SMJ-Historie. Welcher Geist heute dieses Haus erfüllt, lässt sich nur vermuten. Dunkle Schatten lasten schwer auf den Geschichten, die diesen Ort umgeben. Risse haben dem Fundament des gegenseitigen Verständnisses Schaden zugefügt. Alles, was gut war, droht dem Vergessen anheim zu fallen. Es fehlen die jugendlichen Stimmen, das Lachen, die Lieder. Still und verschlafen liegt das kleine Städtchen in der heißen Nachmittagssonne. Vom Zentrum bis hin zum Ortseingang regt sich nichts, scheint jemand die Zeit angehalten zu haben für seine Siesta. Am 10. Mai wäre das Jugendhaus Güsten zehn Jahre alt geworden.


Autor: Johannes Reimann
Rubrik: home » hq
Eingestellt am 26. Mai 2007
Zuerst veröffentlicht in Ausgabe 27, Mai 2007
Trackback: url

Ähnliche Beiträge:
» Männergespräche in 2000m Höhe | September 2006
» Nur echte Männer tragen Röcke | November 2008
» Neue Männer hat das Land | Februar 2007
» Generation Liebesbündnis? | Dezember 2006
» Sind wir das – Helden der Revolution? | Dezember 2006

Bisher 4 Einträge  | Neuer Eintrag


Markus O. Heinrich sagt am 8. Februar 2008 um 20:33:

Hey Jo - was ist eigentlich aus dem Jugendhaus geworden - wann war die letzte Veranstaltung und was wurde aus dem Inventar ? Wäre ein Revival möglich ?


Jo sagt am 8. Februar 2008 um 23:39:

Die letzte Veranstaltung war meines Wissens das doppelte Kreistreffen mit gleichzeitigem Krisengespräch zwischen Diözesanleitung und Standesleiter. Das muss 2001 gewesen sein. Dann weiß ich nur noch, dass ich irgendwann die Magdeburger Zelte aus dem Lagerraum evakuiert habe, um schneller zu sein als jemand anderes. Seit dem bin ich nicht mehr dort gewesen und habe daher keine Ahnung, wie es dort aussieht – und ob es überhaupt noch Reste gibt.


Markus O. Heinrich sagt am 14. Februar 2008 um 20:34:

Schade - ob man mal nachschauen oder nachfragen sollte ?


Jojo sagt am 10. Mai 2012 um 21:56:

Und wieder sind fünf Jahre vergangen ...


Eintrag verfassen

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


*