HAUPTSEITE | INHALT | KONTAKT | IMPRESSUM

[Valid RSS]

» hq

Abschiedsgedanken

Vor einem Jahr schloss sich für immer die Tür des Jugendhauses Thalwenden.

Vor genau einem Jahr schloss sich für uns, für die Schönstatt-Mannesjugend der Regio Wegweiser, zum letzten Mal die Tür unseres ehemaligen Jugendhauses in Thalwenden. Heute, 365 Tage später, könnte man annehmen, es sei genug Abstand vorhanden und die SMJ solle besser in die Zukunft statt zurück blicken.

Die „Vertreibung ins Paradies“, wie es Pater Elmar Busse bereits am Tag nach der großen Abschiedsfeier formulierte, war von der gesamten Eichsfelder Schönstatt-Familie scheinbar begrüßt worden. Bereits zwei Wochen nach dem Auszug aus Thalwenden sollte die Mannesjugend im Eichsfeld-Brief bekunden, dass sie sich in der ehemaligen Josefs-Klause schon recht heimisch fühle und insgesamt guter Stimmung sei. „Bitte keine Wehmut“, war die durch die Blume gesagte Anforderung an den Artikel. Sollte hier also ein harmonisches Bild gezeichnet werden, das so vielleicht (noch) gar nicht existierte?

Der Text versuchte die Lage schließlich darzustellen, wie sie wirklich war: zwiespältig. Die junge Generation habe eine Chance erkannt, die neue Heimat für sich zu erobern. Die Erfahrenen indes müssten zunächst verwinden, dass sie verloren hatten, was ihnen immerhin bis zu zehn Jahre lange eine Art Zuhause gewesen war. Neuanfang ginge nicht ohne gebührenden Abschied und es sei hoffentlich gestattet, wenn sich in die Zukunftseuphorie auch der eine oder andere Tropfen Wehmut mische.

Ich denke, dass die Phase des Abschieds mittlerweile als abgeschlossen betrachtet werden kann. Der Blick nach vorn wird nicht durch Tränen der Trauer verschleiert. Männlich-solide gehen wir unserem Tagwerk nach. Das Morgen kümmert uns mehr als das Gestern. Mir selbst jedoch gehen, ein Jahr nach der Jugendhaus-Schließung, noch einige Gedanken im Kopf herum – vielleicht besser gesagt Gefühle, Ahnungen, Stimmungen. Ich sehe sie noch nicht als gelöst an und stelle sie zur Diskussion. Denn ich glaube, dass die Antworten darauf auch zu einer generellen Standortbestimmung der Regio Wegweiser beitragen können.

Ohnmacht. Die Debatte über den möglichen Verkauf des Jugendhauses zog sich über drei Monate hin. Und hier liegt auch schon der Kern der Sache begraben. Denn die Diskussion innerhalb der SMJ – sie lief fast vollständig per Email ab – war eigentlich keine über den Verkauf des Hauses sondern darüber, welchen Standpunkt wir dazu einnehmen sollten. Es wurde politisiert, polemisiert, formuliert, argumentiert und widerlegt. Der gesamte Prozess glich einer Debatte innerhalb z.B. einer politischen Partei. Sie entbehrte lediglich eines kleinen, aber entscheidenden Faktums: Dass das Ergebnis der Diskussion, dass all die Stellungnahmen und Erklärungen keinerlei Auswirkungen hatten. Über allem schwebte stets die Hypothese: „Wenn man uns fragte oder wenn wir entscheiden könnten, dann …“

Bekanntlich verfügte die Mannesjugend in dieser Sache jedoch über absolut keinerlei Entscheidungsfreiheit. Dementsprechend war auch nicht die SMJ die Verhandlungssache. Es spielte keine Rolle, wie sich die SMJ ihre Zukunft mit und in dem Haus vorstellten könnte, ob sie vielleicht selbst Möglichkeiten hätte oder finden würde, die Verantwortung, auch in finanzieller Hinsicht, zu übernehmen. Ungeachtet der Frage, ob die SMJ im anderen Fall eine gemeinsame Meinung gehabt hätte oder ob sie, so wie es zu diesem Zeitpunkt tatsächlich war, einen Wust aus Teilmeinungen und -interessen darstellte: Keine einzige Person aus dem Kreis der Verantwortlichen, und der fand sich mit den Mitgliedern des Schönstatt Bewegung Eichsfeld e.V., trat jemals an die SMJ mit der Frage heran, über welche Mittel, Wege, ja über welchen Willen die Mannesjugend verfügte. „Wir können in dieser Sache nichts machen. Seht ihr selbst irgendwelche Möglichkeiten?“ Schon das wäre fair gewesen. Stattdessen erreichte uns am 5. Mai die Mitteilung von Pfarrer Jacob: „Wir können nichts machen, das Haus wird verkauft.“ Schluss, Aus, Ende. Und das aus der eigenen Familie. Die Mannesjugend als unmündiger Haufen Jugendlicher, ohne jeglichen Anwalt, der für ihre Sache eintritt. So etwas nenne ich totale Ohnmacht.

Interessenkonflikt. Über diesen Punkt kann ich nur Mutmaßungen anstellen, was ich an anderer Stelle jedoch bereits zur Genüge getan habe. Daher möchte ich hier auf weitere Ausführungen verzichten. Nur die Ausgangsfrage sei gestellt: War der Schönstatt Bewegung Eichsfeld e.V. wirklich darum bemüht, das Jugendhaus zu retten – oder war das Interesse größer, die Mannesjugend „heim ins Paradies“ zu holen?

Enttäuschungen. Davon habe ich persönlich viele erleben müssen in der „Äffäre“ um die Schließung des Jugendhauses. Da konnte ich nicht verstehen, wie man seine gesamte Energie in politisierte Stellungnahmen investieren konnte, von denen man sich nicht einmal sicher war, ob sie tatsächlich die aktuellen Meinungen der SMJ wiedergaben. Da konnte ich nicht verstehen, warum sich die SMJ-Zentrale in Schönstatt so herzlich wenig für unsere Lage interessierte. Da konnte ich das Gefühl nicht loswerden, von allen Seiten im Stich gelassen zu sein. Und zwar auf der ganzen Linie. Absolute Hilflosigkeit. Sowohl beim Abschied als auch beim Umzug. Von der Phase vorher ganz zu schweigen. Spätestens als wir selbst die Schlüssel an die neuen Besitzer übergeben mussten, hallte immer wieder eine Frage in meinem Kopf: Wer zum … ist eigentlich für uns verantwortlich? – Und da konnte ich schließlich nicht verwinden, dass die Verkaufs-Nachricht achselzuckend hingenommen wurde, dass es keinen Aufschrei, kein Aufbegehren, keinerlei Widerstand unsererseits gab. Ein letzte Hoffnung verknüpfte ich mit dem „R-Kaffee“, wo dem “R“ nach heiß gekocht werden sollte: Revolution, Kontra, Hausbesetzung? Doch es wurde nur eine weitere Planungsrunde draus, in der man sich mit der Situation brav zu arrangieren versuchte.

Der Verlust des Jugendhauses sowie dessen Umstände, der Abschiedsprozess und auch der Umzug haben in mir Leere und Resignation hinterlassen. Diese Empfindungen waren so stark, dass der Säulenpreis für den „Aufbruch im Umbruch“, den wir auf der Jahreskonferenz 2006 in der Säule Mannsein verliehen bekamen, für mich wie ein Trostversuch wirkte: „Ihr habt alles verloren? Hey, hier habt ihr wenigstens ne Trophäe.“ Wenn ich rückblickend jedoch die Widrigkeiten betrachte, durch die sich die Mannesjugend ganz allein hindurchkämpfen musste – totale Ohnmacht, absolute Hilflosigkeit, immer wieder Enttäuschungen, Alleingelassensein – dann haben wir diesen Mannsein-Säulenpreis mehr als verdient.

Sollten wir am 15. September 2007 also Trübsal blasen? Nein. Doch ich halte den Jahrestag des letzten Toresschlusses für geeignet, auf die Dinge hinzuweisen, die meiner Meinung nach noch offen sind und bisher keinerlei Konsequenzen nach sich gezogen haben. Können wir es zulassen, dass die Mannesjugend auch bei den nächsten großen Entscheidungen nur Befehlsempfänger bleibt? Wer ist unser Anwalt, wer übernimmt hauptamtlich die Verantwortung für uns? Setzen wir unsere Metamorphose zu einem starren, von Förmlichkeiten eingeengten Gebilde fort? Und die Frage nach der Regio-Perspektive wage ich gar nicht zu stellen.


Autor: Johannes Reimann
Rubrik: home » hq
Eingestellt am 15. September 2007
Zuerst veröffentlicht auf F.L.O.H. online
Trackback: url

Ähnliche Beiträge:
» Regio Wegweiser erhält Säulenpreis | Februar 2007
» Jede Generation ist herausgefordert, Schönstatt neu zu gründen | September 2006
» KLAUSE 2.0 – ein Name, ein Programm? | Dezember 2007
» Ein lustiger Haufen | Februar 2007
» Sind wir das – Helden der Revolution? | Dezember 2006

Bisher 5 Einträge  | Neuer Eintrag


Johannes sagt am 15. September 2007 um 15:58:

Ui! Ganz schön aufbrausend und provozierend der Artikel. Für meinen Geschmack etwas zu provozierend, aber sonst recht gut gelungen. Über den Ablauf der Verlaufsschritte kann ich nicht viel sagen, da ich sie nicht so direkt miterlebt hab. Ich weiß nur, das Pfr. Jacob einmal abends in Thlw war und mit uns über den Verkauf und wie es weiter gehen soll, gesprochen hat. Um aber nicht einen ellenlangen Roman zu schreiben: Einige Sachen kann ich bestätigen, zB dass die SMJ als ein paar Unmündige Jugendliche abgestempelt wird und nicht gefragt wird. (aber auch auf ebene der Diözese)


Johannes sagt am 15. September 2007 um 16:06:

aber andere finde ich etwas weit hergeholt. Wie etwa die Sache mit dem Säulenpreis. Kurzum, ich finde den Artikel ziemlich pessimistisch und ein sehr schlechtes Bilde von allem Malen. Trotz der vielen Probleme waren wir 2007 zwar weniger, aber diese wenigeren waren sehr aktiv. Das seh ich, wenn ich meinen Kalender anschaue! Meinung zur Veröffentlichung: Nur, wenn dabei auch die Möglichkeit zur Diskussion gegeben ist! Wie hier


Klausenmeier sagt am 17. Dezember 2007 um 20:10:

Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch Klatsch


Klausenmeier sagt am 17. Dezember 2007 um 20:13:

ich find es genau wieder gegeben aber für großen wiederstand hatten wir nicht die finanziellen mittel ich häte gerne mitgemacht. vllt findet sich ja demnächst ne bessete lösung


Johannes sagt am 15. September 2009 um 23:52:

So geht die Zeit dahin. Heute sind es dann schon drei Jahre. Mist.


Eintrag verfassen

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


*