“Von nun an sollt Ihr Menschen fangen”
Da hängen sie, die beiden Fischersleute, die noch keine Ahnung haben, was ihnen gleich blühen wird. Simon und Andreas, zwei Brüder, sind total geplättet von der Nachtschicht, die sie hinter sich haben. Seit Sonnenuntergang waren sie unterwegs und haben versucht, was sie konnten, was ihr Beruf ist: Netze auswerfen und immer wieder einholen. Sie wollten Fische fangen, aber keinen einzigen haben sie ins Boot holen können. Jetzt stehen und knien sie am Ufer des Sees, waschen ihre Netze und säubern das Boot und träumen vielleicht von einer Mahlzeit und von einer Mütze voll Schlaf. Das Schauspiel, das bis eben in der Nähe stattgefunden hat – die Predigt eines Mannes zu mehreren hundert Menschen – hat sie nicht interessiert. Aber was ist das? Dieser Mann, dieser Prediger kommt nun plötzlich zu ihnen herüber.
Oh je, denken sich die zwei vielleicht, das können wir jetzt gar nicht brauchen. Wenn der uns jetzt auch noch eine Rede hält, werden wir gar nicht mit unserer Arbeit fertig. Aber es kommt anders. Denn der Prediger –gut erkannt, es ist Jesus – fordert die beiden auf, noch mal auf See rauszufahren und die Netze erneut auszuwerfen. Was soll das denn? Was hat der denn für eine Ahnung von der Fischerei? „Meister, die ganze Nacht waren wir unterwegs und haben doch keinen einzigen Fisch gefangen“, sagt Simon zu Jesus. „Aber wenn Du es sagst, wollen wir es versuchen.“ Sie fahren also raus. Vielleicht haben Simon und Andreas gestöhnt, erschöpft und hungrig, wie sie waren. Sicherlich haben die beiden dicke Augenringe gehabt und wären am liebsten im Stehen eingeschlafen. Trotzdem machen sie diese Tour. Und siehe da: Sie fangen so viele Fische, dass die Netze zu zerreißen drohen. Das Boot bis obenhin voll beladen mit Fischen, kehren sie zum Strand zurück. Und es wird noch verrückter. Jesus fordert nicht, die Fische auszunehmen, zu Lagern oder zu verkaufen. Er fordert sie auch nicht auf, ihm einen Anteil davon abzugeben. Die Bootsladung Fisch, die für Simon und Andreas ja eigentlich einen kleinen Reichtum darstellt, ist plötzlich unwichtig. Stattdessen erhebt Jesus Anspruch auf die Brüder selbst: „Von nun an sollt ihr Menschen fangen“.
Geht es uns nicht auch oft so? Wir arbeiten bis zur Erschöpfung, planen, tun, werkeln. Alles zum Wohle der SMJ. Und trotzdem haben wir oft das Gefühl, keinen „Fisch“ zu fangen, niemanden begeistern zu können für das, was wir tun. Wir sitzen am Ufer, unsere Hände sind schwielig, jeder Muskel tut uns weh und unsere Augenringe erzählen von der schwierigen Zeit, die hinter uns liegt. Wir haben enorm viel Zeit und Kraft investiert und müssen feststellen, dass die Netze leer bleiben. Und dann kommt so ein Typ vorbei mit seiner verrückten Idee, es noch einmal zu probieren. So eine Person ist uns noch nicht untergekommen? Gewiss, vorbeigekommen ist er, dieser Jesus, nur haben wir ihn vielleicht nicht gesehen. Und das, obwohl er immer wieder neu anspricht und auffordert – Dich und mich, uns als SMJ. „Fahrt noch mal raus, versucht es noch mal“; und zwar nicht, weil WIR jetzt ein Ergebnis wollen, sondern im Vertrauen darauf, dass ER weiß, warum. „Wir haben es doch schon die ganze Nacht versucht“, können wir dann sagen, „die ganzen letzten Wochen und Monate und Jahre. Und trotzdem werden wir immer weniger und müssen immer mehr opfern.“ Sind wir bereit, auch den zweiten Teil anzufügen, so wie Simon? „Aber weil Du es sagst, Herr …“
Dieses Bekenntnis, dieses Vertrauen, können wir ganz sicher gut gebrauchen. Und vielleicht können wir sogar lernen, immer häufiger und immer deutlicher Jesu Aufforderung zu hören, damit wir antworten können: „Weil Du es sagst …“ Denn mal ehrlich: Unsere ganze Arbeit kann nur gelingen, wenn sie darauf gerichtet ist, wozu ER uns ruft. Konferenzen machen, Events stemmen, organisieren, planen – alles gut und alles berechtigt. Es darf nur nicht zum Selbstzweck werden. Denn unser Glaube an Christus ist gleichzeitig der Glaube, dass ER uns für eine ganz bestimmte Aufgabe bestellt hat, jeden ganz persönlich und uns als Jugendbewegung der Schönstatt-Familie. Ich bin überzeugt, dass Jesus auch die SMJ Regio Wegweiser immer wieder neu beruft. Abgekämpft wie wir vielleicht sind, eventuell mit der Sorge, wie es morgen weitergehen wird, sollen auch wir wieder aufstehen und einen neuen Versuch wagen. Denn letztendlich – davon bin ich überzeugt – will ER uns nicht beibringen, wie man Adressen verwaltet, Förderanträge schreibt oder organisatorische Höchstleistungen vollbringt. Jesus will auch uns zu Menschenfischern machen. In einem Gebet heißt es: „Christus hat keine anderen Hände außer Deine Hände“.
Das bedeutet nicht, dass wir ab sofort jährlich hundert Menschen zur Taufe führen müssen. Aber wir können uns auf das Wesentliche konzentrieren. Vielleicht gelingt es uns, in nächster Zeit unseren Blick dafür zu schärfen, was wirklich wichtig ist. Es soll nicht behauptet werden, dass wir das in der Vergangenheit noch nie erkannt hätten. Und doch kann es nützlich sein, sich immer wieder neu darauf zu besinnen. Die vor uns liegende Fastenzeit kann dafür vielleicht sogar die eine oder andere Chance bieten.
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