„Wir warten und hoffen:“ Advent, das ist die Zeit der Ruhe und Einkehr, der inneren und äußeren Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Während in den Läden und auf den Marktplätzen geschäftiger Weihnachtstrubel herrscht, nutzen wir Christen die vier Wochen vor diesem Hochfest der Kirche eher dazu, einen Gang zurückzuschalten. Wie die Fastenzeit ist auch der Advent dazu gedacht, den Blick nach innen zu richten – und sich im Warten auf den Messias zu üben, der im als Kind in der Krippe geboren werden will. Die Düfte von Tee, Zimt und Räuchermännchen; das sanfte Licht von Kerzen an den Abenden, die zu dieser Jahreszeit besonders früh am Tag anbrechen; die getragenen Töne und Harmonien adventlicher Lieder wie „Macht hoch die Tür“ oder „O Heiland, reiß die Himmel auf“ – diese sinnlichen Wahrnehmungen lassen uns die Vorweihnachtszeit eindrücklich erleben und schaffen eine besondere Atmosphäre der Hoffnung, der Sehnsucht. Wann kommt er, der König der Ehren?
Doch nicht alles ist Ruhe, Freude, Eierkuchen – auch nicht in dieser stillen Zeit. Die Kirche stellt uns gerade jetzt eine Persönlichkeit vor Augen, die unzweifelhaft als streitbarer Querkopf gelten kann: Johannes den Täufer. Er ist ein Mann, der so gar nicht in gedankliche Schablonen hineinpasst. Weder macht er sich für selige Harmonie stark, noch predigt er den exzessiven Konsumrausch. Johannes der Täufer verbreitet eine eigene Botschaft: „Ja, der Messias wird kommen. Doch es reicht nicht, dazusitzen und zu warten. Ihr müsst umkehren, ihr müsst ihm den Weg ebnen.“ Johannes will sich nicht beliebt machen, um erfolgreich zu sein. Auch achtet er nicht darauf, dass seine Message möglichst friedlich, diplomatisch und sprachlich entschärft rüberkommt. Im Gegenteil, er zeigt mit dem Finger direkt auf alles, was nicht stimmt in seiner Zeit. Dabei benutzt er solche Sätze wie „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Mt, 3,10). Johannes nimmt kein Blatt vor den Mund. Pharisäer, die schon in der damaligen Zeit als Heuchler gelten, nennt er „Schlangenbrut“. Ein wahrer Unruhestifter also, der scheinbar nicht so ganz in den Advent passt. Denn er geht vielen Leuten auf den Geist, predigt Umkehr und Buße, wird lästig und unbequem. Als sich König Herodes von seiner Frau trennt und die Frau seines Bruders heiratet, klagt Johannes ihn an. Das wird ihn später – im wahrsten Sinne des Wortes – den Kopf kosten.
Es ist bedauernswert, dass Johannes der Täufer nicht viel mehr Erwähnung findet als nur in den Texten des zweiten Sonntags im Advent. Denn sein Aussehen, sein Auftreten, seine ganze Persönlichkeit verfügen über einigen Unterhaltungswert. Ein Mann, der sich nie die Haare schneidet, der in einem Fetzen aus Kamelhaaren herumrennt, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt – ein Wilder also – würde nicht nur heute für Aufsehen sorgen, sondern tat es schon damals. Wenn er dann noch das Reich Gottes ankündigt und ein Weltgericht vorhersagt, taugt das gar zu einer zünftigen One-Man-Show. Heutzutage hätte er vermutlich binnen weniger Stunden millionenschwere Werbeverträge für Fernsehen und Radio in der Tasche. Und ein Kinofilm würde seine ganze Lebensgeschichte für das Breitformat aufbereiten – mit reichlich Action und Special Effects.
Nur inszeniert sich dieser Täufer allerdings nicht selbst. Okay, sein Stil ist gewöhnungsbedürftig. Doch es geht ihm nicht darum, seine eigene Person in den Mittelpunkt zu stellen. Er versteht sich lediglich, wie der Prophet Jesaja seinerzeit schon geschrieben hatte, als „Stimme in der Wüste“. Er verkündet nicht sich selbst. Als ihn Leute fragen, ob er der Messias sei, sagt er: „Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.“ (Mk, 1,7). Johannes der Täufer, dieser Urtypus eines Revolutionärs, nimmt sein eigenes Ego immer weiter zurück und wird zu einem Wegweiser, der auf Jesus hinzeigt. Nur die wenigsten Revolutionäre, Genies, Visionäre schaffen es wirklich, sich selbst zurückzustellen hinter der Sache, für die sie kämpfen. Tatsächlich und leider lauert die Gefahr, vom Vordenker zum Bonzen, vom engagierten Arbeiter des Guten zum Verwalter des eigenen Häufchens Macht zu werden, nahezu überall; nicht einmal die Kirche ist davor gefeit. Johannes hätte sich von seinen Anhängern leicht als Star feiern lassen können. Stattdessen schickt er sie zu Jesus, sagt über ihn sogar: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3,30).
Solche Persönlichkeiten könnte unsere Zeit sehr gut gebrauchen. Der Advent kann uns – neben Walnüssen, Zimtsternen und Apfeltee – auch daran erinnern und dafür sensibel machen. Es müssen ja nicht gleich Leute sein, die Gottes Gericht androhen. Johannes der Täufer hat vorgemacht, was es bedeuten kann, ein Wegweiser zu sein – von sich selbst weg, hin auf das, was zählt; im Endeffekt hin auf Christus selbst. Insofern kann der Advent auch eine Zeit sein, das Wegweiser Sein zu üben. Abgesehen davon: Ein bisschen Umkehr und Buße darf es auch im ansonsten still-harmonischen Advent sein.
Ähnliche Beiträge:
» “Wegweiser” sein | März 2008
» Für ein Jahr in Bolivien | Februar 2007
» KLAUSE 2.0 – ein Name, ein Programm? | Dezember 2007
» Ein lustiger Haufen | Februar 2007
» “Von nun an sollt Ihr Menschen fangen” | Februar 2007
![[Valid RSS] [Valid RSS]](http://floh.regio-wegweiser.de/wp-content/themes/magfloh/img/valid-rss.png)

